Harms Kritik

HARMS“ von Nikolai Müllerschön (B + R; D 2013; K: Klaus Merkel; M: Julius Kalmbacher, Cop Dickie, Xavier Naidoo; 98 Minuten; Start D: 12.06.2014); schon eingangs blinzelt es ironisch: Eine „Handschlag-Produktion“ sei dies hier, heißt es da. Taucht man in die Recherche zu diesem deutschen Genre-Movie ein, macht das Sinn. Denn DIE-HIER, die beiden Ober-Produzenten, Drehbuch-Autor und Regisseur Nikolai Müllerschön und Hauptdarsteller Heiner Lauterbach, haben diesen Film quasi aus dem Nichts, mit vielen Eigenmitteln und einer riesigen Portion Idealismus-Lust, entstehen lassen. „Harms“ ist ein deutscher Film, der ohne „amtliches“ Förder-, also Steuergeld ins Kinoleben gepowert wurde. ALLE ACHTUNG! Vor allem: Weil sich ihr filmisches B-Movie-Ergebnis richtig GUT (an-)sehen lassen kann.

Warum, haben wir uns damals gefragt, existiert in der BRD nicht „so etwas Ähnliches“. Aus Frankreich kamen in den Siebzigern die Filme von Jean-Pierre Melville („Vier im roten Kreis“; „Der eiskalte Engel“), aus den USA solche Gegen-Hollywood-Hitzestreifen wie „Hexenkessel“ von Martin Scorsese. Und der deutsche Gangsterfilm? Ich erinnere mich an ordentliche Versuche wie „Einer von uns beiden“ von Wolfgang Petersen (mit Jürgen Prochnow, Elke Sommer und Klaus Schwarzkopf), „Supermarkt“ von Roland Klick und vor allen Dingen an den besten deutschen Gangsterfilm jener Jahre überhaupt: „DIE KATZE von Dominik Graf (s. Kino-KRITIK), mit dem überragenden Götz George in der Rolle des raffinierten Solo-Gangsters Probek. Da waren wir aber schon in 1987 angelangt.

Überzeugende deutsche Gangsterfilme blieben und sind Rarität. Bis heute. Nun aber hauen der 1958 in Stuttgart geborene und seit 1992 in Los Angeles lebende NIKOLAI MÜLLERSCHÖN, dessen 2008er Versuch, den preußischen „Roten Kriegsbaron“ (Matthias Schweighöfer) filmisch in die Puschen zu bringen, ein solcher (schwacher) blieb, und der alles andere als filmisch Gangster-gestählte 60jährige HEINER LAUTERBACH („Männer“) voll auf die coole Unterhaltungskacke.

Schon diese herrliche Hackfresse. In groben, missmutigen Ausdruck gebracht durch einen dicken unheimlich schwarzen Ober- und Seitenlippenbart und durch einen Verdamm-Mich-Hut, der den kahlen Kopf „brutal“ bedeckt. Unter dem rechten Auge eine tätowierte Träne. HARMS. Marke: Typischer Knacki. Voll auf wortkarg. Hat im Gefängnis eben noch seinen zusammengeschlagenen Zellenkumpel brutal gerächt, bevor er nach 16 Jahren herauskommt. Entlassen wird. In eine, in seine schäbige Irgendwo-Abseits-Welt. Wo er sowieso nicht viel zu quatschen braucht. Wo ein Kopfnicken als fortgeschrittene Kommunikation zählt. Der müde alte Outlaw und sein Freund Onkel (HELMUT LOHNER). An dessen Imbissstand. Finden sie sich. Trifft man sich. Nach und nach. Die „Experten“ von einst. Und die Neuen. Eigenwilligen Lebenswegbegleiter. Harms will eigentlich …was? Pläne? Keine Spur. Bis dieser Knauer auftaucht (FRIEDRICH VON THUN). Ehemaliges Vorstandsmitglied der Bundesbank. Und Ex-Fremdenlegionär. Und von einem „Ding“ faselt, das wirklich noch einmal die grauen Zellen aktiviert. Und nach reichlich Profit riecht. Für einen „gehobenen“ Lebensabend. Allerdings stoßen hier – natürlich – ziemlich sehr unterschiedliche Charaktere, Bedürfnisse, „Interessen“ aufeinander. Zusammen. Harms bemüht sich, DIE so unter seine Fuchtel zu kriegen, dass sie auch funktionieren. Doch: Es stinkt natürlich an allen Ecken und Enden. Und aus den Köpfen. Gewaltig.

Mensch Lauterbach, HUT AB. Als Typ mit grobem Herz und wenig Sprache gibt er seinem Harms Profil. Zermanscht kompromisslos DIE, die es auch verdienen, und gibt dann auch schon mal den Lonely Ritter. Bewegt sich prächtig in diesem Milieu aus stinkigen Straßen und Kneipen, primitiven Absteigen mit ihren Ein-Räumen, die schlimmer aussehen als Knastzellen; tigert stoisch in diesen labyrinthischen Wohnsilos herum. Regisseur Müllerschön und Kamera-Chef Klaus Merkel besitzen ein prickelndes Gespür für atmosphärische No-Orte. Und können mit einem Klasse-Team schön schmutzige Dinge ablassen. Wenn man mit solchen „Riesen“ wie AXEL PRAHL, FRIEDRICH VON THUN, ANDRÉ HENNICKE, die ewige Film-Drecksau, oder den brillanten „Onkel“ HELMUTH LOHNER, unglaubliche 79 (über DEN derzeit nicht mal „Wikipedia“ aktuell orientiert ist), aufwarten kann, hat man die volle Pulle „Team-Player“ im Ensemble. Hat eine Spitzenbesetzung für erstklassiges stinkiges deutsches Genre-Kino beisammen.

„HARMS“ ist genau – DIE mit viel Bauch-Klasse angesetzte spannende Gangsterfilm-Ballade, von der es hierzulande (sehr) viel mehr geben darf. Schließlich: Hier trauen sich wirklich mal einige WAS…mit viel Gespür für Atmosphäre, Typen und Timing eine spannende Härte-Show aus „erquicklichen“ heimatlichen Schmutz-Tiefen konsequent filmisch auszuspucken (= 4 PÖNIs).

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