GUTE MANIEREN

GUTE MANIEREN“ von Juliana Rojas & Marco Dutra (B + R; Brasilien/Fr 2016; K: Rui Pocas; M: Marco Dutra; Juliana Rojas; Guiherme Garbato; Gustavo Garbato; Original mit deutschen Untertiteln; 135 Minuten); sie stammt aus der brasilianischen Oberschicht, wurde aber von ihrer patriarchalen Familie verstoßen, lebt jetzt in einem schmucken Appartement in Sao Paulo. Ana (MARJORIE ESTIANO) ist schwanger. Aber nicht „normal“, in ihrem Körper bebt es „bedrohlich“. Ganz schlimm: bei Vollmond. Die aus der Unterschicht stammende afro-brasilianische Clara (ISABÉL ZUAA) ist bei ihr Zofin, Begleiterin und schließlich Intim-Freundin. Aber Clara spürt, dass mit ihrer Gefährtin einiges „nicht stimmt“. Ana versteckt eine Pistole in ihrem Schlafzimmer, zudem entwickelt sie einen ungewöhnlichen Heißhunger auf rohes Fleisch. Eines Nachts bricht ES – wie beim ersten „Alien“-Film – durch die Bauchdecke: Ein stark behaartes Embryo. Ana überlebt die Geburt nicht, Clara übernimmt Mutter-Funktion. Für diesen kleinen Werwolf. Mit Namen Joel. Sieben Jahre später wird es für Clara immer schwieriger, „ihren Sohn“ unter Kontrolle zu halten. Irgendwann will er „teilhaben“ an dem Draußen-Leben.

Ein kleines, feines, süffisant ausuferndes südamerikanisches Schauer-Stück. Mit atmosphärischer wie klingender Brillanz. Mit stilisierten Sets, einem (alp-)traumhaft-phantastischen Lichtkonzept sowie einem magisch schwirrenden „kathedralischen“ Score als elegisches Spannungsmotiv. „Unser Film ist zugleich auch ein kritischer Kommentar auf die heutige brasilianische Gesellschaft, die noch immer stark von patriarchalen Ordnungen, sozialen Klassenunterschieden und dem strengen Glauben an die katholische Kirche geprägt ist“, erklären die beiden Filmemacher im Presseheft. Und stellen eine Verbindung zu diesem immer wiederkehrenden Schlaflied her, das da „Du sollst nicht hungrig bleiben“ heißt und „ein fürsorgliches Versprechen mit einem sehr gruseligen Klang“ („Film-Dienst“) ist.

Dieser spezielle, herzerwärmende Horrorfilm mit Märchen-Charme wurde vielfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet; bekam zum Beispiel im Vorjahr auf dem Locarno-Festival den „Spezialpreis der Jury“.

„Gute Manieren“ ist eine exquisite Arthouse-Liebhaberei (= 4 PÖNIs).