GLÜCKLICH WIE LAZZARO

„GLÜCKLICH WIE LAZZARO“ von Alice Rohrwacher (B + R; Italien 2017; K: Hélène Louvart; 125 Minuten); man wähnt sich im vor-vorgestrigen Italien. Mitten drin in einer „1900“-Atmosphäre von Bernardo Bertolucci. Auf einem abgeschiedenen Landgut. Inviolata. Ausgemergelte Menschen schinden sich ab. Ohne Lohn. Eine Gruppe von um die 55 Menschen, Erwachsene, Kinder, sind – als Quasi-Leibeigene – auf dieser Tabakanbau-Plantage für die adelige Zigarettenkönigin Marquesa tätig: „Die Menschen zu befreien heißt, ihnen ihr Sklavendasein bewusst zu machen und sie ins Unglück zu stürzen“, lautet ihr Ausbeuter-Motto. Unter der Knechtschaft: der sanfte, kindliche Lazzaro (sensationell: ADRIANO TARDIOLO). Den sie für einen Idioten halten und sämtliche Handlanger-Arbeiten zuschieben. Und der diese mit einem stoischen Lächeln ohne Widerrede ausübt. Als der rebellische Sohn der Marquesa, Tancredi, auftaucht, mit blondierter 1990er-Frisur, einem Moped, einem Walkman und einem Mobiltelefon, kommt Unruhe auf. Ausgerechnet den naiven Außenseiter Lazzaro erklärt er zu seinem Freund. Um Geld zu erpressen, arrangiert Tancredi seine Entführung. Was die Polizei und die Behörden auf den Plan ruft. Und wir erfahren, was für ein abgekartertes übles Ausbeutertum hier noch herrschte; dabei wurde doch 1982 in Italien endgültig die Leibeigenschaft abgeschafft. Aber die Gräfin machte damals einfach so weiter wie davor.

Die Umsiedlung. Nach Rom. Die Handlanger und Tagelöhner befinden sich jetzt mitten in der Zivilisation. Im Heute und Jetzt. Zusammengekarrt auf einem Stück Beton. Irgendwo an der städtischen Peripherie. Und mittendrin, dieser Narr/Depp, diese Weiterhin-Unschuld, dieser schlichte Little-Jesus: Lazzaro. Dieser „unscheinbare Heilige, der keine Wunder vollbringt“, wie ihn die Autoren-Regisseurin Alice Rohrwacher identifiziert. Sie hat eine szenische Parabel geschaffen, in der es um Magie, Politik, Menschlichkeit und einen märchenhaften Heiligen geht. Während sich die Menge betriebsam bemüht, eine begründete Existenz zu gestalten, zu formulieren, bleibt dieser seltsame Heilige ein menschlicher Tor, dem alles lieb und vertraut und „anständig“ erscheint. Wie dieser harmlose Wolf, der ihnen ständig folgt, auf der Suche…

Eine wunderbar altmodische italienische Polit- und Poesie-Narretei mit unterschiedlicher Deutungshoheit: Was du denkst, ist nicht das, was ich empfinde (= 4 PÖNIs).