Flüchtigen Kritik


DIE FLÜCHTIGEN“ von Francis Veber (B+R; Fr 1986; 89 Minuten; Kino-Start BRD: 25.6.1987; DDR: 01.04.1988 / TV-Titel: „Zwei irre Typen auf der Flucht“)

Lucas, ein Berufsknacki, hat gerade fünf Jahre hinter Gittern verbracht und, die Schnauze gründlich vom Räuberleben voll. Pignon ist im dritten Jahr arbeitslos und wechselt die Seiten. Beide begegnen sich in einer Bank. Lucas (GERARD DEPARDIEU) will ein Konto einrichten, Pignon (PIERRE RICHARD) auf die Schnelle an die Franc-Scheine ran. Zum ersten Mal in seinem Leben befindet sich Lucas auf der “richtigen“ Seite des Revolvers und befindet sich trotzdem in der Klemme, Denn kein Bulle wir ihm abnehmen, dass er die Geisel und nicht der Mitwirkende bei diesem Banküberfall ist. Also macht er zwangsläufig mit und bringt seinem Amateurnachbarn die einfachsten Handgriffe bei, um wenigstens einigermaßen heil aus dieser Sache rauszukommen. Doch das erweist sich als gar nicht so einfach, denn da geht es mittlerweile nicht nur um die lukrative Beute, sondern auch um bedrohliche Verfolger aus Ganovenkreisen und um eine junge Lady von ganzen sechs Jahren. Sie heißt Jeanne (Anais Bret), ist die Tochter von Pignon und hat seit dem Tod der Mutter kein einziges Wort mehr gesprochen. Doch kaum ist Lucas, der Grobian, aufgetaucht, wird die Kleine zugänglicher. Eine “Familie“ scheint sich da gebildet zu haben, die aber immer noch von der Polizei verfolgt wird und gegen die im Übrigen immer noch Lucas Einwände hat. Die allerdings werden eigontlich immer schwächer…

Ein Tölpel zweiter Garde und ein Mime erster Güte finden unter der Leitung von Autor und Regisseur Francis Veber (nach “Der Hornochse und sein Zugpferd“ und “Zwei irre Spaßvögel“) zum dritten Mal zusammen. Und endlich wird aus klamottigen Albereien perlige, komödiantische Feinheiten. Pierre Richard, der Dauer-Kasperle, wechselt die Maskerade, verzichtet auf die Grimassen und zeigt sich als ein Charakterakteur von Format. Gerard Depardieu, der Draufgänger mit den Idealmaßen, wird dank einer zauberhaften Sechsjährigen zu einem liebenswerten großen Jungen mit ebensolchem Herzen. Was für eine Komödie! Nie kommt es so, wie man vermutet. Nie passieren vorhersehbare Dinge, ein Film mit lauter schönen Überraschungen. Und rauhen Tönen. Die Zeiten sind gemeiner und gewalttätiger geworden, signalisiert sie ständig. Nirgendwo mehr Kumpel, sondern nur noch Gegner weit und breit. Und wenn man nicht aufpasst, setzt es Prügel. Ganovenehre? Ein Witz. Alles ist, alle sind schlecht. Die kleine Gruppe ist schließlich nur auf sich angewiesen, muss die anderen austricksen, um einigermaßen heil zu überleben. Hartherzigkeit und Lieblosigkeit sorgen für eine realistische Sprache, für eine pessimistische Stimmung, gegen die nur ein kleines Kind rebelliert. Während die Erwachsenen längst schon den faulen Alltagskompromissen erlegen sind und diese akzeptiert haben, beugt sich die Kleine diesen Spielregeln der Älteren nicht und begehrt auf ihre Weise dagegen auf.

„Les fugitifs“, so der Titel im Original, ist auch ein Film über die Unschuld der Kinder und die Grobheit ihrer Erzeuger. Francis Veber balanciert mit seinen Bildern auf dem schmalen Grad von Klamotte und Spaß mit Sinn und bringt es sogar dann fertig, im Schlussbild Chaplin versteckt von der Leinwand herunter winken zu lassen. Eine schöne Frühjahrsbescherung, dieser Film aus Frankreich (= 4 PÖNIs).

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