FERRIS MACHT BLAU

FERRIS MACHT BLAU“ von John Hughes (B, Co-Produzent + R; USA 1985; K: Tak Fujimoto; M: Ira Newborn; 103 Minuten; BRD-Start: 11.06.1986).

Die breite Öffentlichkeit hat ihre Meinung gefällt – Ferris Bueller (MATTHEW BRODERICK) ist einfach ein dufter Typ. Sportkanonen, Motorfreaks, Junkies, Rowdys, Blödel, Faulenzer, Querdenker stehen auf ihn, und auch das gemeine Volk von der Straße, der einfache Mann, die nette Nachbarin von nebenan, nimmt an seinem Schicksal regen Anteil. Ebenso wie die Beamten vom Revier, die seine Mutter bitten, ihm liebe Grüße und beste Genesungswünsche übermitteln zu wollen.

Alle mögen Ferris. Mit Ausnahme von zweien: seiner Schwester, der das Getue um ihren Bruder (neidvoll) auf die Nerven geht (JENNIFER GREY), und High School-Direktor Edward „Ed“ R.  Rooney (JEFFREY JONES), der seine Fähigkeit, „diese Schule effektiv zu leiten“, herausgefordert sieht und zugleich Sorge hat, dass durch Ferris „gute Kinder bloß auf schlimme Ideen“ gebracht werden. Was aber ist passiert? Was in aller Welt sind das bloß für Ideen, welche die Autorität so verstimmt und in Rage versetzt? Nun, der Titel drückt es schon aus. Ferris Bueller  hat zum neunten Mal im Schuljahr beschlossen, die Schule zu schwänzen. „Wenn ich aus meinen Augen bluten würde, dann würdet ihr mich noch zur Schule schicken“, regt sich Schwester Jeanie (Jennifer Grey) auf. Denn sie durchschaut natürlich die fixen Tricks ihres pfiffigen Bruders, der sich unter Zuhilfenahme zahlreicher technischer Hilfsmittel auf absolut krank und bettlägerig getrimmt hat dass sogar die Eltern kapitulieren und ihren Sohn als ’schulunfähig‘ betrachten. Als sie alle aus dem Haus sind, packt es Ferris an. „Die Ausreden werden immer schwieriger, also mach‘ ich diesmal was Richtiges draus“. Gesagt, getan. Aber für solch einen Tag braucht man Begleiter. Alleine durch die Gegend zu ziehen, ist langweilig. Also wird Freund Cameron (ALAN RUCK)  angeheuert, der wirklich daniederliegt. Allerdings „ist er der einzige Typ, dem es besser geht, wenn er krank ist“, gibt Ferris kund. Schließlich sind dessen Probleme nicht physischer, sondern psychischer Art. Sein steinreicher Dad interessiert sich einen Dreck für ihn, hat nur seinen 61er Ferrari im Kopf, den er mehr liebt als sein eigenes Leben (und die Familie). Und genau mit dem machen sie sich auf die große Tour durch die Stadt.

Sloane (MIA SARA) schließt sich ihnen an, eine Freundin, mit der man offensichtlich Pferde stehlen kann. Und los geht’s, mit einem weisen Spruch auf den Lippen: „Das Leben geht ziemlich schnell vorbei. Wenn Ihr nicht ab und zu anhaltet und Euch umseht, könnt Ihr es verpassen“. Alles wäre also in reinster Butter an so einem schönen Tage, gäbe es da eben nicht jenen Direx, der sich nun mal vorgenommen hat, nicht nur keine Schlampereien an „seiner“ Schule aufkommen zu lassen, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Erwachsenen von morgen brave, disziplinierte und strebsame amerikanische Bürger sind und keine listigen Ex-Schulschwänzer. Also heftet er sich an die Fersen des „kranken“ Ferris Bueller. Das Problem aber dabei ist, dass Typen, also Bosse wie Ed Rooney so von sich überzeugt und angetan sind, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, einmal den Kürzeren zu ziehen. Jedenfalls nicht von so einer „Rotznase“. Was bedeutet, dass Ed fortan ständig in größere Schwierigkeiten gerät, als er das sich je hätte vorstellen können. Wie allerdings, das soll hier – der zahlreichen (komischen) Pointen wegen – nicht verraten werden.

Währenddessen machen sich die Drei wirklich einen ausgelassenen Tag, Sausen mit dem kostbarsten Auto der Stadt durch die Gegend, „borgen“ es dann auch schon für eine Weile mal aus, speisen im einem stinkvornehme Restaurant, fahren auf das höchste Gebäude der Welt, gehen zum Baseball, sehen sich im Museum um und funktionieren eine lahme Straßenparade zu einer wilden „Twist and Shout“-Fete mit Volksbeteiligung um. Es ist nichts weltbewegendes, was Ferris und Anhang tun, aber es ist für sie etwas Besonderes. In ein paar Monaten werden sie nach dem Abschluss arbeiten, ihre eigenen Wege gehen, viel Zeit für „so was“ nicht mehr haben. „Früher oder später landen wir alle in dem Zoo“, setzt Ferris Akzente. Und bringt sogar Cameron dazu, mal aus sich rauszugehen, den Urschrei zu üben. Schließlich haben alle was von diesem Ausnahme-Tag gehabt. Sogar die ansonsten so miesepetrige Schwester. Einzig Mr. Rooney hat bluten müssen. Im wahrsten Sinne des Wortes, aber das tut nur ihm weh.

Geplant war eigentlich eine High-School-Trilogie. Aber der unerwartete und anhaltende Publikumserfolg nach „Das darf man nur als Erwachsener“ (1984, bei uns nur auf Video erschienen) und die Special- Effects-Klamotte „L.I.S.A. – der helle Wahnsinn“ (1985) ließ den ehemaligen erfolgreichen Werbemanager, Journalisten (für die Satire-Zeitschrift „National Lampoon“) und Drehbuchautoren (u.a. für „Die schrillen Vier auf Achse“ und „Mr. Horn“) nicht ruhen, und er setzte mit „Pretty in Pink“ (1985), einer Aschenputtel-Story an einer High School, noch einen Kids-Streich folgen (obwohl hier nur als Autor und Produzent).Ob nun „Ferris Bueller’s Day Off“ den wirklichen Abschluss dieser Reihe bildet, ist ungewiss. Fest aber steht, dass sein fünfter Film sein bester geworden ist. Ferris Bueller, das steht für das letzte kleine Stücke Anarchie und den bevorstehenden Aufbruch in dieser vor Programmierungen und Autoritäten nur so wimmelnden Welt, die in der Tat ebenso durchgeplant wie bürokratisiert und größtenteils phantasielos geworden ist.

Anpassung heißt überall das Motto, wenn du weiterkommen willst, wenn du es zu was bringen willst, wenn du Erfolg und die Karriere haben willst. Nur ein Jugendlicher kann sich – wenn überhaupt – noch dagegen auflehnen, und sei es auch nur (erst) einmal für einen ganzen, schönen, freien Tag. „Dabei steckt eigentlich in jedem von uns ein Ferris Bueller. Nur – wir trauen uns nicht. Wir sind brav geworden, buckeln nach oben, wollen nicht anecken, sind froh um unsere Jobs, holen uns lieber Magengeschwüre, weil der Frust nicht anders zu verarbeiten ist“, erklärt John Hughes seine Devise. Also – wenn es den „Tag der Bäume“ und das „Jahr des Kindes“ gibt, warum nicht auch einmal den „Tag des Ferris Bueller?“ „Nur Duckmäuser gehen unter, die Tapferen überleben“, heißt es einmal an einer Filmstelle. Und Ferris ist insoweit verdammt tapfer und clever – und steckt an. „Rettet Ferris“ steht einmal auf einem großen Ballon, der über der Stadt schwebt. Was lehrt, dass Erwachsenwerden gar nichts so übermäßig Erstrebenswertes ist.

„Wenn du erwachsen wirst, stirbt dein Herz“, ließ John Hughes, damals 40jährig, einmal in seiner „Breakfast Club“-Klasse sagen. Seine Filme waren bislang überwiegend eine prächtige Medizin dagegen (= 4 PÖNIs).