Fee

Die heutige (sehr) unterhaltsame Filmrichtung lautet – Aki Kaurismäki, vor allem JACQUES TATI und Harold Lloyd. Das Drehbuch zu dem Film, den ich heute HERZlichst anbiete, soll INSGESAMT, also lediglich EINE Seite Dialog enthalten haben. Es geht also hier und jetzt um würdevolle Überlebenstrategien aus dem Prekariat (Kaurismäki), die sich prima-„helle“ mit ihrem Körper, also über originelle Pantomime (Tati) und dabei bisweilen anarchistisch-komisch (Lloyd) auszudrücken pflegen. Was für ein phantastisches Wunderwerk des märchenhaftes Spaßes ist also:

DIE FEE“ von Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy (B+R; Fr/Belgien 2010; K: Claire Childeric; 94 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 15.01.2013).

Der Ort: Le Havre. Dort war ja auch schon der letzte – und großartige – Film von Aki Kaurismäki angesiedelt: „Le Havre“ (2010; s. KINO-KRITIK). Offenbar eine „besondere Stadt“. Region. Für spezielle Filmgeschichten. Im Herzensradau „La Fée“ darf süffisant geschmunzelt und gelächelt werden. Genüsslich. Von Anfang an. Durchgehend. „Schuld“ daran ist sein liebevoller Slapstick-Charme. Dom (DOMINIQUE ABEL) ist eine schwermütige Bohnenstange. Arbeitet als Nachtportier in einem schäbigen Eck-Hotel. Und möchte am liebsten „ungestört“ bleiben. Doch…es war einmal: Eines Nachts taucht erst ein Brite „mit Taschen-Hund“ auf, Mimi, der nach einigen Mühen (doch) untergebracht wird, dann schließlich SIE. Barfuß und mit schlichter Kleidung. „Ich heiße Fiona, ich bin eine Fee, sie haben drei Wünsche frei“. Dom, der mit einem kaputten Fahrrad unterwegs ist, wünscht sich einen Roller sowie kostenloses Benzin. Ein Leben lang. Ein dritter Wunsch fällt ihm derzeit nicht ein. „Lassen Sie sich Zeit“. Sie düst im (doch eigentlich kaputten) Fahrstuhl ab in ihr Zimmer, er ist noch irritiert ob dieser ganzen erstaunlichen Bewegungen. Ereignisse. In dieser Nacht. Beißt in sein Sandwich und bekommt sein nächstes Problem. Am nächsten Morgen befindet sich Fiona wieder in der Psychiatrie, und er muss sich, auf seinem neuen Roller, nun als schrulliger Ritter bewähren. Ob im „Cafe zur verschwommenen Liebe“, wo der wohl extremst- kurzsichtigste (und seit kurzem auch führerscheinlose) Kellner der Filmgeschichte arbeitet (BRUNO ROMY); ob am Meer, wo in einem verrotteten Auto drei Afrikaner von England träumen; ob in der Anstalt, wo mit den Pillen gepokert wird und wo es zu Schnellschwangerschaft und körperkomischen Fluchtverrenkungen kommt. Ähnlich wie beim Quallentanz im Meer. Natürlich hetzt die Polizei (lange Zeit) vergeblich hinter her, während der am Meer durch ein Wasserrohr heraushüpfende Mimi-Hund für eines der schönsten und weisesten „kapitalistischen Filmmotive“ überhaupt sorgt.

Motto: Die Farce – „Das funktionierende Geld“. Im Hotel:

Wo Dom aus der Kasse das komplette Geld nimmt, um es dem britischen Gast zu borgen. DER reicht es umgehend an die drei Afrikaner vom Strand weiter als Belohnung, dass sie seine Hündin Mimi aufgespürt haben. Danach fragen die Afrikaner den Mann von der Insel, ob er sie mit nach Britannien nehmen kann. Als er verneint, drücken sie ihm das Bündel Geldscheine in die Hände. Woraufhin der Brite sich bereit erklärt, sie über den Ärmelkanal zu bringen. Zuvor jedoch überreicht er Abel das Bündel Geldscheine zurück, um damit seine Schulden zu begleichen. Abel legt daraufhin das Geld wieder zurück in die Kasse.
Und alle sind zufrieden. Vorerst.

Dieser zauberhafte Film „Die Fee“ rührt. Berührt. Mit einem herrlich clownesken Figuren-Ensemble. Mit vortrefflicher süffisanter Körper-Komik. Über eine köstlich absurde Akrobatik-Poesie. In seiner stimmungsvollen Märchen-Magie. Als eine Art Hymne auf die lebensfrohe Langsamkeit. Dabei spielen die naiv- „lustigen“ Körperbewegungen eine immense wie surreal-einfallsreiche Vergnügungsrolle. Inmitten lauter sozialer Underdogs, die auf ihre Herzens-Lust drängen. Geradezu konsequent pochen. Abseits realistischer Uniformität. Und statischer, phantasieloser Lebensregeln. Abel („Für gewöhnlich rede ich nicht viel“) gibt den französischen Chaplin. Nix haben, aber viel sein.
„Die Fee“ ist nach „L’Iceberg“ (2005) und „Rumba“ (2008, bei uns im Kino kurz gelaufen) die dritte Zusammenarbeit des französisch-kanadisch-belgischen Performance-Trios DOMINIQUE ABEL, FIONA GORDON, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit der ständigen wunderbaren Aki Kaurismäki-Antiheldin KATI OUTINEN aufweist, und BRUNO ROMY. Was die drei Balladen-Melancholiker stummfilm-kraftmäßig und einfallsreich aufleben lassen, sind moderne Tati-Zeiten pur. Einfach und kauzig und atmosphärisch und schön- faszinierend – simpel. Als nostalgische Cartoon-Action. Mit viel burleskem Charme-Spott. Auf das = unser = Normalbemühen, täglich etwas „zu machen“. „Zu wirken“. Zivilisiert „zu gestalten“.

„Die Fee“, Heimkino mit Seele. Sich hiervon einwickeln zu lassen, bereitet HERZens-Spaß. Wer FILM nur mit den rationellen Augen sieht, sehen will, soll hier lieber wegbleiben. Die Anderen kriegen hier viel zauberhaftes Möge-Kino.

Anbieter: „Pandastorm“