Es war einmal in Amerika Klassiker-Kritik

ES WAR EINMAL IN AMERIKA“ von Sergio Leone (USA 1982-1984; Co-B+R; K: Tonino Delli Colli; M: Ennio Morricone zunächst 167 Minuten; Start BRD: 12.10.1984; später 228 Minuten; Start DDR: 13.06.1986; DVD-Veröffentlichung: 24.07.2003; Blu-Ray-Veröffentlichung: 28.01.2011).

==== „Neben der dreistündigen Originalfassung gelangte eine stark gekürzte und vom Regisseur nicht autorisierte Rumpfversion in die Kinos, in der die epische Struktur des Films durch Schnitte zerstört ist“/Lexikon des Internationalen Films) ====;

“Ich verlange vom Film, dass er mir etwas aufdeckt“, erklärte einmal Luis Bunuel, der als Filmregisseur selbst ein passionierter Entdecker war. Übernimmt man einmal diese kreative, fortschrittliche Arbeitsweise als Richtlinie für SERGIO LEONES neuesten Film, so wird man an neuen “Aufdeckungen“ nicht sehr viel finden. Alles, was er vorführt, ist
im Grunde schon irgendwann einmal im Verlaufe der langen Leinwandgeschichte gezeigt und gesagt worden, und das Zitat (von wem stammt es eigentlich?), dass alle Filme, die wir heute neu zu sehen bekommen, schon einmal gemacht wurden, dass Filmemachen heute im Grunde nur die Arbeit an Plagiaten bedeutet, dass es also nichts mehr gibt, was es an Geschichten und Ideen, in welcher technischen oder dramaturgischen Verfeinerung auch immer, neu zu entdecken gibt, trifft dann halt auch auf “Once Upon A Time in America“ zu, der bei uns eigentlich auch “Spiel mir das Lied von Amerika“ heißen könnte.

Eine Freundschaft unter Männern, die sich nicht an die Spielregeln halten und deshalb im oft beschworenen und ebenso oft verurteilten und demaskierten “American Way of Life“ aufsteigen und fallen, der eine früher, der andere 35 Jahre später, ist nun wahrlich nichts Weltbewegendes mehr und sicherlich auch schon zig Male in den verschiedensten Schwarz-Weiß- und Technicolor-Variationen erlebt. Das wusste natürlich auch Leone, als er sich vor mehr als zwölf Jahren daranmachte, diesen Film, diesen Traum, zu verwirklichen. Aber er war sich eben auch sicher, dass es Mittel und Möglichkeiten gibt, so eine “bekannte“ Story über den privaten Background hinaus zu realisieren; mit den auch heute noch verwegenen, geheimnisuniwitterten Mythen Amerikas zu spielen, und dazu diese neuen-alten und schönen und starken Figuren des Kintopps einzusetzen, fabelhaft und doch realitätsnah.

Brutal geht es los. Eine Frau tastet sich im Dunkeln in ihr Wohnzimmer, das Licht geht an, sie sieht die Bescherung: die Kugel-Spuren, die auf ihrem Bett den Körper eines Mannes “zieren“. Drei Männer. Ein paar kurze, kalte Fragen. Sie antwortet ausweichend, gibt sich unwissend. Die Männer suchen einen Mann. Sie weiß nichts oder sagt nichts und wird brutal und schnell erschossen. Schnitt. Ein Mann baumelt an einer Gummipunchkugel, wie sie Boxer gerne zum Training benutzen. Er ist von Blut übersät, sein Gesicht ist zerbeult und zerschlagen von den Fäusten der Kerle. Die Schmerzen/seine Schmerzen übertragen sich auf den Betrachter bis fast zur Ekelgrenze. Fast meint man sich übergeben zu müssen. Jetzt schon, nach doch nur knapp drei Minuten. Dann noch ein wüster, genau gezielter Schlag, und der so Geprügelte, Geschundene spuckt endlich das raus, was sie wissen wollen. Sie hängen ihn ab und lassen ihn auf dem Boden “durchbluten“.

Die Hüte. Western-Hüte wie aus den alten Western. ROBERT DE NIRO, In einer Opium-“Höhle“, einer allerdings “dezenten“, eher faszinierend-beruhigenden anstatt anrüchigen oder grauslichen oder abstoßenden. Saugt an der Opium-Pfeife. Ist/wirkt reichlich geschafft, ziemlich fix und fertig, saugt sich an der Pfeife satt. Will sich beruhigen, auf andere Gedanken kommen, “weg“ von etwas, das wir noch nicht kennen, wissen, das aber für ihn ein fürchterliches Erlebnis gewesen sein muss. DAS TELEFON(-KLINGELN). Drei Tote. De Niro sieht sie auf der Straße. Es regnet, und man hat ihnen kleine Namensschilder an die Beine gebaumelt. Alles ergibt keinen Sinn, während das Telefon weiterklingelt. Dann nervt das, und Leone “bemerkt“ unsere Unruhe und macht sich – für uns auf die Suche nach dem Telefon. Die drei Typen, vor aller ihr Anführer, ein bulliger Riese mit einem dieser typischen Western-Hüte, die Melville in seinen besten “eiskalten“ Krimis verwandte, sind typische Überbleibsel aus dem vorigen Jahrhundert, als alles noch mit der Revolver behandelt und erledigt wurde. Genauso gehen sie hier vor, nur gibt es keine staubigen Landstraßen und auch nicht mehr diese lockere Kleidung. Heute trägt man Anzug, Krawatte und die langen Mäntel, die sich seitlich manchmal ein wenig ausbuchten und ahnen lassen, was in ihnen verborgen ist/steckt.
Morricone “tritt“ musikalisch hinzu, gibt den Bildern seine Sprache. LEONE-Zitat. Dann der alte De Niro. Anfangs erkennt man ihn kaum (was für eine Maske). Im Hintergrund spielt leise “Yesterday“, der Paul McCartney-Song, und der entstand bekanntlich in den 60ern. Also Sprung. Leone macht es einem wahrlich nicht leicht, sich in diesem zeitlichen Kauderwelsch zurechtzufinden, da einen Weg zum Film zu finden, Andererseits ist das, bedeutet das gerade ein Reiz. Das packt einen schon, fängt einen schon ein, zumal dermaßen „high zurechtgepackt“. Da ist ein Meister am arbeiten.

Der Wirt, Fat Moe, stellt die Uhr auf 5 vor 12. Wer hat das Geld, fragt Fat? Das frage ich mich seit 35 Jahren, antwortet Noodles (Robert de Niro). AM START KANN MAN DEN SIEGER ERKENNEN UD AUCH DEN VERLIERER (Noodles). Was hast du gemacht in all den Jahren? Ich bin früh schlafen gegangen.
Zurück. Musikalisch wunderbar überbrückt durch Morricone, an dessen Rhythmen man so langsam mitbekommt, wo wir uns wann befinden. Die Deborah als Kind. Jüdisches Geschäftsviertel. Kleinkrämer & Co. Leone liebt seine Bilder sehr, seine Geschichte(n), als dass er uns schnell entlassen will. Die Kamera fotografiert nicht, sie zelebriert, sie komponiert, sie fasziniert. Lustvoll/genüsslich/sinnlich/spannend. Die Freunde, die kleine Gang. Die schon die Spielregeln dieser Gegend beherrschen und Schutzgebühren abkassieren. Der Sheriff. Jetzt: der Bulle. Statt mit der Waffe, der Pistole oder dem Gewehr, geht er mit einem großen, nichts gutes ahnen lassenden Knüppel auf die Straße. Auch typisch, dass er kein Geld mehr ist, sondern ein Angestellter der Stadt, der schon mal kleine, minderjährige Mädchen vögelt und sich bestechen lässt.

Noodles ist ihr Anführer. Stillschweigend akzeptiert, denn er hat die besten Ideen und weiß reaktionsschnell zu entscheiden, wenn sie mal in der Klemme sind. Er liest Jack London und geht auf dem Klo schon mal an die Wäsche. Arm. Arme Leute. Die meisten haben keine Chance, werden nie eine haben, versuchen auch nie, eine zu bekommen. Dann die, die mit allen Mitteln, aller Gewalt versuchen, da rauszukommen. Die sich mit dem Müll und dem Unrat ihrer Alten nicht abfinden wollen. Die Träume haben und alles dransetzen, sie in die Tat umzusetzen. Amerika. Der Traum der Habenichtse.
Der Konkurrent, Boogsie. Die Liebe, die tanzende Deborah (JENNIFFER CONNELLY). Überhaupt, diese Kinderrollen, unglaublich. Max, der Freund taucht auf. Warum hörst du nicht, die Mama hat gerufen. Die Freundschaft, die natürlich homoerotische Komponente besitzt. Freundschaft = Totalbesitz = Totalgewalt über den anderen. Aus 2 mach eins. Geht nicht, geht nie gut, und wenn Frauen auftauchen, dann überhaupt nicht. Freundschaft, Liebe entscheidet sich hier schon. Freundschaft ist etwas wunderbares, kann aber auch etwas sehr belastendes etwas sehr schmerzhaftes sein.
Leone ist auch hier wenig zimperlich.

Der Konkurrent haut tüchtig zu, und Max und Noodles liegen ramponiert im Rinnstein. Die Brutalität der Gosse, die Macht des Stärkeren. Die Rufe nach Deborah verschallen, sie lässt Noodles nicht mehr herein, hilft ihm nicht.
Clever. Das erste Geld. Schmuggelware aus dem Wasser-Holen. Das Arrangement, 50% von jedem Gewinn, werden in die gemeinsame Kasse gezahlt. Einverstanden.
Der Tod. Der Kleinste wird von Boogsie erschossen. Noodles ersticht ihn, und geht anschließend auf den Polizisten los, der ihn verprügelnd verhaften will.
Es ist wieder wie eine Oper. Morricone, das ist der moderne Verdi, und Leone, der große Inszenator von eigenen Gnaden. Opernhaft rauschend/berauschend. Details ausleuchtend, keine unbedingte Dramaturgie, Geschichte, sondern Skizzen, Szenen, Momentaufnahmen, Figuren, Orte. Gedanken: Wer kann sich heute noch so viel Zeit nehmen, lassen, so aufwendig ausbreiten, so “groß“ inszenieren.

Nach 35 Jahren “findet“ er das Geld, 1 Million. Woher? Was? Wieso? “Vorschuss auf deinen nächsten Auftrag“, heißt es auf einem Schein. Was für einen nächsten Auftrag?

Zurück. Noodles kommt nach 10 Jahren aus dem Gefängnis. Die anderen haben inzwischen anscheinend gute Geschäfte gemacht, es geht ihnen jedenfalls gut, ein Club, halb Lokal, halb Bordell. bringt gute Rendite, man ist jetzt wer und für Noodles steht alles bereit. Denn die Freunde waren auch Freunde, haben seinen Anteil ehrlich für ihn aufgehoben. DEBORAH (ELIZABETH MCGOVERN). Schön, jung, hinreißend. Ihm bleibt wie uns der Atem stocken. So ein Bild von einer Frau…

Aber Max (JAMES WOODS) ruft auch jetzt schon wieder. “Die vier Reiter aus der Apocalypse“, nennt sie Frankie, der Gangster, der ihnen einen Auftrag gibt. Aber sie sind cleverer. Und unbarmherziger, härter, tödlicher. Das Leben ist noch verrückter als Scheiße, sagt Joe, der Gangster, bevor sie ihn umlegen.

IM JÜDISCHEN EINWANDERERVIERTEL von NEW YORK.
1933.
Die Gewerkschaft. Ihr Boss. Die Gang kommt ihnen zu Hilfe. Langsam also wird ihr Aufstieg “politisch“.
Puccini-Musik aus “Die diebische Elster“ (Uhrwerk Orange) = hier Austausch der Kinder, um den Polizeichef zur Vernunft zu bringen. KINO als MAGIE.
Du wirst den Gestank der Straße nicht los, das ist dein Problem, sagt Max einmal zu Noodles. Ich mag den Gestank der Straße, ich riech‘ ihn gern. Wenn ich ihn einatme, fühle ich mich wohler.

Max bittet Noddles, ihn zu erschießen. Eine Rechnung soll dann beglichen sein, zugleich sieht Max darin seine letzte Chance, „fair“ und mit einem guten Gewissen zu sterben.
Geld, Frau, nur 35 Jahre Gewissensbisse habe ich dir gelassen wegen meines Todes. Ist das deine Art, dich zu rächen? Nein, das ist die Art, wie ich die Dinge sehe. Es war eine große Freundschaft. Schnitt. Opiumhöhle. Wir sind wieder zurück.

Noodles. Nimmt ein Pfeifchen, atmet tief durch, legt sich zurück und blickt direkt in die Kamera zu uns. Und grinst uns geradezu unverschämt an. Das war‘s heute. War‘s nicht gut?
Es war fantastisch (= 5 PÖNIs).