Erbarmen Kinokritik

ERBARMEN“ von Mikkel Norgaard (Dänemark/D/Schweden 2012/2013; B: Nikolaj Arcel, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jussi Adler-Olsen; K: Eric Kress; M: Patrik Andrén, Uno Helmersson, Johan Söderqvist; 97 Minuten; Start D: 23.01.2014); skandinavische Krimis zählen seit vielen Jahren zum besten Spannungslesestoff und sind mitunter exzellentes TV- wie Kino-Futter. Und – es geht derzeit auch so gut weiter: Nach den Klassikern von Henning Mankell, 66, mit seinen Romanen um Kommissar Kurt Wallander, und der „Millenium-Trilogie“ des viel zu früh verstorbenen Stieg Larsson (1954 – 2004) tritt nun Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen, der sich JUSSI ADLER-OLSEN nennt, geboren am 2. August 1950 in Kopenhagen, mit seinen Krimi-Bestsellern im Kino an. Der Sohn eines Psychiaters hat Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Filmwissenschaft studiert und arbeitete danach in verschiedenen Berufen wie Verlags-Geschäftsführer, TV-Redakteur und TV-Serienregisseur. Zudem war Jussi Adler-Olsen als Koordinator in der Dänischen Friedensbewegung tätig. 1997 erschien sein erster Thriller: „Alfabethuset“/hierzulande 2012 unter dem Titel „Das Alphabethaus“ herausgekommen. Seinen Durchbruch fand Jussi Adler-Olsen ab 2007, zunächst mit dem Roman „Kvinden I buret“, also „Die Frau im Käfig, so auch jetzt der Originaltitel der Verfilmung, deutscher Titel – Buch wie Film – „Erbarmen“. Es ist der erste Fall um den einheimischen Ermittler Carl Morck vom Sonderdezernat Q. Bislang folgten weitere vier Bände (und werden allesamt auch verfilmt). Seine Bücher sind in 40 Länder verkauft worden und allein im deutschsprachigen Raum mit einer Gesamtauflage von über fünf Millionen Exemplaren erschienen. 1,5 Millionen Mal wurde hierzulande allein „Erbarmen“ aufgelegt. Insgesamt sollen es, nach Angaben des Autoren, zehn Bände werden, „die man auch als zehn Kapitel eines einzigen Buches verstehen kann“ (Quelle: „DPA“ vom 16.1.2014).

Sein Gesicht ist eine Hackfresse. Drückt Missmut, Ekel, Abscheu aus. Gegen alles und jeden. Carl Morck, wortkarger Kriminalkommissar bei der Kopenhagener Mordkommission, hat bei einem Einsatz schlimmen Mist gebaut. Anstatt auf die Verstärkung zu warten, wurde er mit Kollegen auf eigene Faust „aktiv“, was dazu führte, dass ein Kollege getötet wurde und ein weiterer, sein guter Freund Hardy Hennigsen, vom Kopf an abwärts gelähmt im Krankenhaus liegt. Morck ist für soziale Kontakte wenig zu haben. Seine Ehefrau Vigga hat sich von ihm getrennt und zu seinem Ziehsohn Jesper, der bei ihm wohnt, findet er keinen Kontakt. Und bei seinem Vorgesetzten, Marcus Jacobsen, Chef der Mordkommission, hat er seit seinem eigenmächtigen Einsatz und deren fürchterliche Folgen sowieso „verschissen“. Alles, aber auch wirklich alles läuft schief im Leben von Carl Morck (NIKOLAJ LIE KAAS). Abgeschoben wird er. Um vor ihm „Ruhe“ zu haben. In das neu gegründete Sonderdezernat Q, das im Keller „beheimatet“ ist. Unaufgeklärte Alt-Fälle sollen dort eigentlich nur noch einmal kurz „betrachtet“ und dann archiviert werden. Als Assistent wird ihm der syrischstämmige und weitaus „normalere“ Kollege Hafez el-Assad (FARES FARES) zugeteilt. „Ich habe Dich noch nie lächeln gesehen“, bemüht sich Assad um kollegiale „Friedensgespräche“. Natürlich werden sie „fündig“. Aber anders, als es sich die Chefetage vorgestellt hat. Ein längst abgeschlossener Fall erweist sich als keineswegs „erledigt“. Ganz im Gegenteil. Vor Jahren verschwand die angesehene Politikerin Merete Lynggaard. Selbstmord, lautete das Ergebnis der Ermittlungen damals. Sie soll von Bord einer Fähre gesprungen sein. Ihre Leiche aber tauchte nie auf. Morck & Assad finden Hinweise, die an dieser amtlichen Version zweifeln lassen. Und WIR erfahren parallel, dass dem tatsächlich so ist: Merete Lyngaard (SONJA RICHTER) ist keineswegs tot, sondern das Opfer einer bestialischen Entführung. Und langsamen „Hinrichtung“.

Meine Güte, wie fesselnd, wie großartig spannend. Atmosphärisch dicht, mit kühlen Farben, darstellerisch exzellent. Die Skandinavier haben erneut einen erstklassigen Thriller geschaffen. Düster, grau und grausam, mit einem ganz und gar sturen wie charismatischen Solisten. Der sich nicht davon abbringen lässt, mit seinem cleveren Kollegen ein grauenvolles Puzzle zusammenzusetzen, das weit in die Vergangenheit der Beteiligten reicht. Dabei gerät er mit seinen Schnüffeleien einmal mehr in das Visier seines Chefs, der – wie der damalige ermittelnde Kollege – überhaupt nichts davon hält, dass Carl plötzlich wieder „aktiv“ ist. Anstatt „geräuschlos“ staubige Akten zu sortieren.

Die Krimi-Adaption überzeugt. Wird packend ausgebreitet und über das schwarzhumorige Führungspersonal bittertrocken pointiert vorangetrieben. Wobei die beiden Hauptakteure faszinierende Pole sind: Der 40jährige NIKOLAJ LIE KAAS ist auch bei uns bekannt aus dänischen Erfolgsfilmen wie „Open Hearts“ und „Dänische Delikatessen“, ist dann aber auch aufgefallen als Killer in dem Tom Hanks-Thriller „Illuminati“ (2009) wie danach auch als Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes in der dritten Staffel der auch bei uns erfolgreichen (ZDF-)TV-Reihe „Kommissarin Lund“. Nikolaj Lie Kaas mimt seinen müden Wüterich jähzornig cool. Grob-fesch. Spannend psychisch labil. Interessant defekt. Ein angeknockter „Sherlock Holmes“ aus dem „verbrecherischen“ Dänemark. Für DEN die Arbeit Religion ist. Bedeutet. Und DER einen Klasse-„Watson“ an seiner Seite hat. Und dann weiß. Der ehemalige Putzmann und jetzige Kriminal-Assistent Assad ist ein besonnener Typ. Der ganze menschliche Gegensatz. Mit eher „sanften“ Ermittlungsmethoden. Meistens jedenfalls. Erfasst „Dinge“ schneller. Und geht nicht wie sein „Elefantenchef im Porzellanladen“ vor. Sondern diskreter. FARES FARES, 1973 in Beirut geboren und seit 1987 in Dänemark lebend, geriet vor einiger Zeit durch Nebenauftritte in den Hollywood-Produktionen „Safe House“ und „Zero Dark Thirty“ (von Kathryn Bigelow/2012) ins Blickfeld. Natürlich passen DIE BEIDEN prima zusammen. Bilden ein „imposantes“ Anti-Team. Von DEM noch einiges Kino-Aufregendes zu erwarten ist.

Der Krimi-Anfang dieses im Vorjahr erfolgreichsten Kinojahresfilms in Dänemark jedenfalls lässt gut hoffen (= 4 PÖNIs).