Ein Tick anders Kritik


EIN TICK ANDERS“ von Andi Rogenhagen (B+R; D 2010; 86 Minuten; Start D: 07.07.2011); der 1965 in Pirmasens geborene und im westfälischen Marl aufgewachsene Filmemacher wurde 1995 mit seinem Dokumentarfilm „The Final Kick“ bekannt, für den er in 40 Ländern gleichzeitig Menschen filmen ließ, die das Fußball-WM-Finale des Vorjahrs verfolgten. Der Film lief weltweit und wurde bei uns mit dem „Adolf-Grimme-Preis“ ausgezeichnet. 2002 folgte mit „Die Frau, die an Dr. Fabian zweifelte“ das Spielfilm-Debüt (mit Dieter Pfaff).

Sein zweiter Kinofilm erzählt ein berührendes Komödien-Märchen. Mit viel Poesie-Charme. Von der 17jährigen Eva (was für eine Entdeckung: JASNA FRITZI BAUER). Die lebt „gesichert“ auf dem Land. Innerhalb einer intakten Familie. Mit Eltern, Oma und Onkel. Wegen ihrer „Macke“ – „Ich hab´ Schluckauf im Gehirn“ – hat sie die Schule geschmissen. Zu viele Dauer-Hänseleien. Die „Macke“, das ist das „Tourette-Syndrom“. Vereinfacht erklärt: Sogenannte motorische Tics. Unwillkürliche, rasche, heftige Körper-/Kopf-Bewegungen. Mit verbalen, ungewollten „Schmutz-Äußerungen“. Als Ausrufe. Oder als eigenartige Verbalgeräusche. Vor allem in Stress-Situationen „gerät“ Eva kurz außer Kontrolle. Im Familienverbund hat man sich längst daran gewöhnt. „Außerhalb“ allerdings wird es für die „Umgebung“ der jungen Frau schon etwas begriffs-schwieriger. Deshalb hält sie sich oft und gerne alleine im Wald auf. Wo sie kleintierische Kontakte pflegt. Doch dann schlägt das gemeine normale Leben voll zu.

Erst findet Eva eine Leiche am See, dann verliert Papa „heimlich“ seinen Autoverkäufer-Job, so dass bei Oma mit Eva „persönliches Bewerbungsvorsprechen“ geübt/eingeübt werden muss. Schließlich verweigert der „merkwürdige“ örtliche Bankchef dem Papa auch einen Kredit. Dann kriegt der gutmütige Daddy zwar doch wieder einen Job, dafür allerdings ist ein Umzug nach Berlin erforderlich. Was Eva zunächst völlig aus der Fassung bringt. Bevor sie „reagiert“. Gemeinsam mit ihrem charmanten kleinkriminellen „Onkel-Rocker“ Bernie. Frisches Geld muss her. Zwar finden sie mit ihrem gemeinsam komponierten Song „Arschlicht“ beim Gesangs-Casting keinen Jury-Zuspruch (saukomisch), doch dann gehen sie auf volles Risiko. Motto: Der schurkische Bankmann soll ausgetrickst werden.

Ein Schelm…, der böses dabei denkt. Kann man gar nicht. Darf man gar nicht. Obwohl die Geschichte von Andi Rogenhagen mittendrin bisweilen etwas „ins Taumeln“ gerät, etwas zu „dick“ mit den ständigen „Tics“ von Eva aufträgt, bleibt man gerne hier dran. Denn die Figuren sind (endlich einmal) liebevoll gezeichnet. Wie fein pointiert: Eine öfters schon mal „kurzfristig sterbende“ Oma (herrlich skurril: RENATE DELFS), die schon mal begeistert einen Staubsauger mit Feuerwerkskörpern in die Luft jagt, amüsiert. Während Mama und Papa im angenehm locker-trockenen wie naiv- lakonischen Ironie-Ton auftrumpfen (VICTORIA TRAUTTMANSDORFF + WALDEMAR KOBUS). Als ewiger Jung-Rocker-Onkel Bernie nimmt und hält sich STEFAN KURT angenehm zurück.
Weil halt IHR die ganze BÜHNE gehört: JASNA FRITZI BAUER.

Geboren am 20. Februar 1989 in Wiesbaden. Seit 2008 studiert sie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Berlin. An der hiesigen “Schaubühne“ ist sie zurzeit in Peter Kleinerts Inszenierung des Stücks „Nachtasyl“ zu sehen. Im Spielfilm „Im Alter von Ellen“ von Pia Marai, der im internationalen Wettbewerb von Locarno Welturaufführung hatte, gab sie im Vorjahr ihr Leinwanddebüt.
Hier nun, in ihrem erst 2. Spielfilm/Kinofilm, gleich der Triumph. Die allgemeine Begeisterung. Denn WIE JASNA FRITZI BAUER in ihre gehandicapte Eva-Figur schlüpft, WIE sie diese mit einer enormen Wärme und Energie überzeugend präsent ausstattet, vorstellt, ist imponierend. Großartig. Erlebnisreich. Liebevoll. Charismatisch. Mit sehr viel lautem wie leisen (Off-)Humor. Wenn ihr eigenwilliges Eva-Gehirn mal wieder „auf Hochtouren“ läuft, ist sie grandios. Schimpfend, fluchend, grobmotorig zwischen Herz und Leid. Dabei mit einer bewundernswerter Natürlichkeit.

Eine phantastische junge neue Schauspielerin gilt es auf der Leinwand zu entdecken. Facettenreich, aufregend, wunderbar menschelnd.
Dank IHR, dank Jasna Fritzi Bauer, ist „Ein Tick anders“ ein kleines deutsches Film-Juwel. Zum vergnüglichen Entdecken (= 3 ½ PÖNIs).