Eine Familie zum Knutschen Kritik

EINE FAMILIE ZUM KNUTSCHEN“ von Dick Maas (B+R; NL 1986; 111 Minuten; Start D: 02.07.1987).

Hierzulande (noch) zu wenig beachtet, mausert sich der holländische Film immer mehr zu internationalem Format und braucht mittlerweile manchmal sogar nicht mal mehr die übermächtige Hollywood-Konkurrenz zu fürchten. Jüngste Beispiele wie die kafkaeske Stimmungsparabel “Der Weichensteller“ von Jos Stelling (s. Kino-KRITIK) oder der intelligente Psycho – Thriller “Der vierte Mann“ von Paul Verhoeven haben nachhaltig bewiesen, welch exzellente Talente beim Nachbarn schlummern.

Mit “Flodder“ so der Originaltitel dieses bei uns unglücklich betitelten Filmes, steht ein weiterer Film an, der sich nun sogar in den Bereich “schwarzer Komödien-Humor“ wagt und dort Erinnerungen an die fernen US-Rundumschläge von “National Lampoon“-Satire (“Animal House“) aufkommen lässt. Derart handwerklich stimmig und kühl-witzig habe ich in Europa schon lange keinen Film mehr erlebt. Dabei scheint “Flodder“ so etwas wie die niederländische Ausgabe von Mazurskys vorzüglichem Ulk “Zoff in Beverly Hills“ zu sein, nur dass wir uns eben hier nicht in L.A., sondern irgendwo in einem feinen Vorort von Amsterdam befinden, wo eine Proletenfamilie aus ihrer verseuchten Schmuddel-Parzelle dank eines gutmütigen Sozialfuzzies zum städtischen Nulltarif hinversetzt wurde. Sehr zum Leid der begüterten Nachbarschaft, die ihre Luxus-Errungenschaften wie ihre feine Moral gefährdet sieht. Und in der Tat, kaum ist die ganze Sippschaft um Mutter Flodder eingezogen, ist auch schon Bambule angesagt.

Man muss sie sich doch erst einmal einleben lassen, versucht der Sozialarbeiter Werner die aufgebrachten Beamten zu beruhigen, während die unmittelbare Nachbarschaft nicht untätig ist und mit; den kleinen und großen Geschwistern und dem senilen Opa nicht gerade zimperlich umgeht. Aber natürlich lassen die sich die Attacken nicht auf sich sitzen und hauen zurück. Wer meint, hieraus würde- sich nun eine ewige Dauer-Fehde und ständiger Kriegszustand entwickeln, der irrt sich gewaltig. Zu überraschend sind dann auch die Entwicklungen um diese “asoziale Family“, die durchaus menschliche Züge besitzt und einige, nicht nur mit ihrer ohnehin doppelbödigen Moral auftretende Nachbarn zum Einlenken bringt. Bevor es aber so weit ist, passieren die unglaublichsten Vorfälle, die zu schildern viel zu schade sind, die man gesehen haben muss. Ein königlicher Slapstick-Film ist hier annonciert, ohne Einschränkungen, mit fortwährend komischen Einfällen und ironischen Ausfällen, die eigentlich ständig “anders“ ablaufen, als man sie erwartet. Buch und Regie sorgen für fortwährende Überraschungen, während in den Action-Szenen die hollywoodsche Professionalität überrascht.

“Das sind Kriminelle“, meint der Bürgermeister. “Das sind gutwillige Menschen, die in unserer Wohlstandsgesellschaft einfach zu kurz gekommen sind“, urteilt Sozialarbeiter Werner. HÄUSCHEN IN DER SIEDLUNG “SONENSCHEIN“!!!!! Die Bullen reagieren wie die feinen Pinkels: “Wenn Ihr Euch auch nur ein bisschen vorwagt, haben wir Euch und Ihr landet wieder da, wo Ihr hingehört.“ Böse Streiche; der Nachbarn. Militärische Strategien. SOZIALE UNTERSCHIEDE. Krieg. Arm soll nicht zu/bei Reich und umgekehrt. Jeder für sich, “wo er hingehört“. Ein Film wie aus dem Ärmel geschüttelt. So locker, flockig, böse, kraftvoll, spannend. Huub Stapel als Sohn Johnnie sieht aus wie ein Don Johnson, der die Fronten gewechselt hat und neu von vorn anfängt. Wie ein holländischer James Dean-Verschnitt. “WAS WIR HIER AUFGAUT HABEN, DÜRFEN WIR NICHT AUFS SPIEL SETZEN“, ist die Meinung der reichen Strategen ohne sich überhaupt einmal mit den Neuankömmlingen auseinandergesetzt zu haben. Anfangs: Kein Abtasten, sondern gleich handfeste Konfrontation. SONNENUNTERGANG AUF DER MÜLLHALDE. Mit Yolanda, einer feinen Lady, die aus Langeweile und Amüsement die Seiten wechselt und sich offensichtlich dabei wohlfühlt. KEINE DENUNZIERUNG: Die Flodders reagieren nur auf die Reaktionen ihrer Umgebung. Sie wehren sich mit ihren schlitzohrigen Mitteln, wobei sich diese im Grunde kaum von denen ihrer Gegnerschaft unterscheiden. Falschheit und Gemeinheit der Oberschicht. Wim, der Militarist, der nichts außer seiner Kanone mehr hochkriegt, jagt dann alles in die Luft.

“Am schlimmsten nach diesen Feten ist die Aufräumungsarbeit“, grunzt Mutter Flodder dazu nur. Und schreibt Werner aus dem südfranzösischen Ferienparadies einen netten Brief ins Krankenhaus (= 4 PÖNIs).