Ein Mann von Welt Kritik

EIN MANN VON WELT“ von Hans Petter Moland (Norwegen 2009; B: Kim Fupz Aakeson; 107 Minuten; Start D: 09.12.2010); der am 17. Oktober 1955 in Oslo geborene Regisseur (und Drehbuch-Autor) studierte von 1974 bis 1978 Filmregie in den USA und drehte danach Werbefilme, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. 1993 gab er mit „Secondloitnanten – The Last Lieutenant“ sein Spielfilmdebüt. Zweimal war er mit seinen Filmen im Wettbewerb der Berlinale vertreten: 2004 mit „The Beautiful Country“ (mit Nick Nolte, Tim Roth + Bai Ling) und in diesem Frühjahr mit diesem schwarzen Spaß, der im Original „En ganske smil mann“ heißt. Fröhliches Motto: „Im Zeitalter digitaler Präzision sind menschliche Fehler das einzige, das die Ordnung der Dinge durcheinander bringt“ (Hans Petter Moland). Ich ergänze: VORTREFFLICH durcheinander bringt.

Ulrik (STELLAN SKARSGARD) ist eine graue und in die Jahre gekommene Type. 12 Jahre Knast hat er soeben abgesessen. Wegen Mord. Nun ist er draußen. Wo es düster ausschaut. Es ist Winter hier am Stadtrand von Oslo, es ist kalt, die Landschaft irgendwie schneeverhangen-trostlos-passend. Erstmal also eine Tasse Kaffee. Dabei holt ihn die Vergangenheit in Gestalt des prinzipientreuen alten Gangsterbosses Rune Jensen ein (BJORN FLOBERG; „Norwegens Film-Bösewicht Nr.1“/Presseheft). DER verschafft ihm Arbeit in einer „komischen“ Autowerkstatt und eine Keller-Unterkunft bei seiner harschen wie „bedürfnisvollen“ Schwester Karen Margarethe (JORUNN KJELLSBY). Samt Fernseher, der allerdings nur ein polnisches Programm sendet. Und vereinbart mit ihm den Rache-Auftrag: Kenny heißt der Kerl, der Ulrik einst verpfiffen hat. Und Kenny, so will es die Ganovenehre schließlich, muss sterben. Keine Zukunft ohne Vergangenheit. Bzw. -Bewältigung. Ulrik willigt ein, bekommt eine Waffe, will dann aber doch nicht. Er hat genug „von all DEM KRAM“ und möchte „nur so“ leben. War bei seiner Ex-Frau, hat zu seinem Sohn und dessen schwangere Ehefrau „etwas“ Kontakt bekommen und vor allem – Ulrik hat Merete (JANNIKE KRUSE) kennengelernt, die Tochter des ebenfalls sehr prinzipientreuen Autowerkstatt-Besitzers Sven, der ein schwaches Herz besitzt. Was wiederum der immer mehr besitzergreifenden Margarete (täglich warme Nahrung gegen schnellen Sex) überhaupt nicht paßt. Ein ziemliches Hin und Her. Für den wortkargen Ulrik ist dieses unruhige Dauer- „Kuddelmuddel“ zuviel. Er muß also nochmal bzw. schon wieder „Entscheidungen“ treffen. Und trifft sie.

Die Skandinavier und ihre herrlich lakonischen „Shows mit Typen“. Aki Kaurismäki & Co. sind derzeit prima „am schrägen Spielen“. Mit schäbig-originellen Milieu-Geschichten, traurigen Figuren, linkischen „Handhabungen“. Bitteren Begebenheiten, die schmunzeln lassen. Nach „Ein gutes Herz“ von Dagur Käri (noch im Kino) und „Männer im Wasser“ von Mans Herngren (war in diesem Sommer im Kino) nun also dies hier – lakonisch duftend, mit lässigem Schmutz–Charme, schön einsilbig wortlastig. Skurriles Charaktere-Entertainment. Ohne zu denunzieren, lächerlich zu wirken, doof-albern zu blödeln…

Keine Bloßstellung, ganz im Gegenteil: „Ein Mann von Welt“ ist ein brillantes skandinavisches Noir-Schmankerl wie aus dem Hand-Denk-Gelenk, einfach so. Weil der inzwischen international sehr gefragte 59jährige Göteborger STELLAN SKARSGARD (zuletzt „Illuminati“ + „Mamma Mia!“) diesen stoischen Pferdeschwanz-Kerl Ulrik mit seinem gleichgültigen grauen Egal-Face ungemein präsent mimt. Charismatisch packend. Mit einer simplen, faszinierenden, verständlichen Körperbewegung, die nicht viele Maul-Worte benötigt. Stellan Skarsgard ist ein reizvoller, spannend- gebrochener Ulrik. Mit hervorragenden Null-Chancen.

„EIN MANN VON WELT“ – ein wunderbar schwarz-komisches Stück feinstes Nord-Kino (= 4 PÖNIs).