Ein Jahr vogelfrei Kritik

EIN JAHR VOGELFREI“ von David Frankel (USA 2010; B: Howard Franklin; Co-Prod.: Curtis Hanson; 101 Minuten; Start D: 14.06.2012); diese „Sache“ existiert wirklich. In den Vereinigten Staaten. Dort gibt es einen undotierten, also nicht profitorientierten Wettbewerb. Eine Meisterschaft im Vögel-Zählen. Wer innerhalb eines Jahres die meisten Vogelarten zählt und dies belegen kann, ist Gewinner. Wird viel beachtet. Und im „American Birding Association“-Journal veröffentlicht. Und respektiert. Dabei ist dieses „Turnier“ eine kostspielige Angelegenheit für die Teilnehmer, denn sie müssen sich quasi ein Jahr lang „ausklinken“, um sich auf die Seh- und Fotojagd nach allem Fliegbaren (wie Kolibris, Haubentaucher, Buntspecht oder Pinkfußgans und Weißkopfseeadler) kreuz und quer durchs Land zu bewegen.

„The Big Year“, so der Originaltitel, basiert auf dem gleichnamigen Buch von Mark Obmascik (Zusatztitel: „A Tale of Man, Nature and Fowl Obsession“) und erzählt von drei solcher grundverschiedener Teilnehmer. Von dem dicklichen, geschiedenen „Nichtssnutz“ Brad (jedenfalls wird er, der Computer-Experte, „so“ von seinem grantigen Vater bezichtigt); von dem Erfolgsunternehmer und glücklichen Familienvater Stu, der sich im Rentneralter befindet und sich (bevor die „richtigen Wehwechen“ beginnen) einmal dieser Leidenschaft der Vogelsuche GANZ „hingeben“ möchte; und vom frechen, mitten im Lebens-Saft stehenden Selfmade-Typen Kenny, der „amtierender Meister“ ist und diesen „Titel“ unbedingt wieder erlangen will. Der Schwache, der Reiche, der Lockere. Man schießt los. Mit dem Fotoapparat. Vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. (Wo der Sieger auf 732 Spezies kommt, so viel sei verraten). Mal gegen-, mal miteinander. Mit vielen anderen „Birder“.

Der Film, eine 41 Millionen Dollar-Produktion, folgt ihren Spuren; die 55tägigen Dreharbeiten führten an über 100 Orte im USA-Lande, darunter New York, Kanada, Kalifornien. Mit Temperaturschwankungen von minus 30 Grad im Yukon bis zu plus 40 Grad in den Florida Keys. Dabei geht es bisweilen zu wie beim Poker-Match: Wer am besten zu bluffen versteht, hat die Nase vorn. Natürlich gibt der blonde, dynamische Kenny (OWEN WILSON) das Tempo vor. Er hat’s schlitzohrig drauf. Quasi professionell. Setzt erneut auf lukrative Werbeverträge hinterher, ist besessen ehrgeizig. Und setzt dabei bzw. dadurch sogar seine Ehe mit der schmucken wie zunehmend genervten Jessica (Rosamund Pike) aufs Spiel. Brad dagegen (JACK BLACK) ist vernarrt in die Natur und deren fliegende Lebewesen UND – will SICH zugleich beweisen. Will es allen „zeigen“. Vor allem aber – sich. Das er doch „was drauf“ hat. „Wenigstens“ bei seinem Lieblings-Hobby. Aber er verhaspelt sich des Öfteren. Zeitlich wie emotional. Kenny (STEVE MARTIN) hat der Ehrgeiz gepackt. „Draußen“ ebenso erfolgreich zu sein wie in der Firma. Zudem will er sich klar werden, wie es weitergehen soll: Weiterhin die (Erfolgs-)Arbeit oder ab ins Private. Wo bald „der Opa“ gefragt sein wird. Kenny freundet sich mit Brad an. Und umgekehrt. Motto: Was der Eine schneller sieht, kann der Andere (in Transport und Nahrung) locker bezahlen. Als Team werden die Beiden plötzlich für den siegessicheren Kenny „zur Gefahr“.

„Ein Jahr vogelfrei“ erinnert in vielen gedanklichen Motiven an den amerikanischen Streifen „GRAND CANYON“ von Lawrence Kasdan aus dem Jahr 1991 (s. auch Kritik).Der eine „Oscar“-Nominierung für das Drehbuch erhielt und auf der Berlinale von 1992 den „Goldenen Bären“ zugesprochen bekam. Steve Martin spielte damals auch eine der Hauptrollen. Thema einst und heute: Die amerikanische Suche nach den wahren Werten. Die Selbstverwirklichung. Des Lebens. Wo stehe ich, was mache ich, was will ich. Eigentlich. Vor allem: Was will ich nicht.
Aber – eben NICHT als Schenkelklopfer-Spaß, sondern als Charakter-Komödien-Vergnügen. Mit überzeugenden Mimen. Deren Gedanken und Bewegungen unterhaltsam-clever vermittelt werden. Unspektakulär, aber fein. Sensibel. Bisweilen. Mit weiteren vorzüglichen prominenten Stichwortgebern wie ANJELICA HUSTON, JoBeth Williams, Dianne Wiest, Tim Blake sowie mit dem bulligen, 72jährigen BRIAN DENNEHY (einst als reaktionärer Sheriff-Gegenspieler von „Rambo“ Sylvester Stallone bei dessen erstem Auftritt/1982 in guter Darsteller-Erinnerung), der hier als „geläuterter“ Vater von „Brad“ Jack Black in einer einmal mehr „robusten“ Figur körpersprachlich wie charakterstark überzeugt.

Der New Yorker Regisseur DAVID FRANKEL, 51, Sohn des Pulitzer-Preisträgers Max Frankel, auch bei uns bekannt durch seine vorzüglichen Komödien „Der Teufel trägt Prada“ (mit Meryl Streep) und „Marley & Ich“ (mit Owen Wilson), hat mit „Ein Jahr vogelfrei“ einen angenehmen wie schönen Denk-Film als unterhaltsamen Seelen-Kitzel realisiert. Für ein erwachsenes Publikum (= 3 PÖNIs).