Eine Taube sitzt auf einem Zweig… Kritik

EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH“ von Roy Andersson (B + R; Schweden/Norwegen/Fr/D 2013; K: István Borbás, Gergely Pálos; M: Traditionelle Musik; 100 Minuten; Start D: 01.01.2015); wir haben uns damals, 1970, in der „Jugend-Jury“ der Berlinale heftig gestritten; es ging darum, wem WIR unseren Preis für den „Besten Wettbewerbsfilm“ geben sollen. Schließlich entschied sich die Mehrheit für den schwedischen Film „Eine schwedische Liebesgeschichte“, dem Debütfilm des am 31. März 1943 in Göteborg geborenen Autoren-Regisseurs ROY ANDERSSON, der dann auch Zuhause zu einem Riesen-Kinoerfolg avancierte, mit dem „Guldbagge“, dem schwedischen „Oscar“, in der Kategorie „Bester Film“ ausgezeichnet und 2012 in einer Umfrage unter einheimischen Kritikern und Filmwissenschaftlern zur Nr.4 der Besten Schwedischen Filme aller Zeiten gekürt wurde.

Sein nächster Spielfilm, „Gilipa“, floppte dagegen 1975, woraufhin sich Roy Andersson aus dem Kinogeschäft zurückzog, um in den nächsten 25 Jahren erfolgreich auf dem Werbefilm-Sektor tätig zu sein. Erst im Jahr 2000 kehrte er ins Kinofilm-Business zurück. Mit „Songs from the Second Floor“, der beim Cannes-Festival mit dem „Spezialpreis der Jury“ bedacht wurde, danach mehrere internationale Auszeichnungen erhielt und im April 2002 in die deutschen Lichtspielhäuser gelangte, begann er an seiner „Trilogie über das Mensch-Sein“. 2007 folgte „Das jüngste Gewitter“, stilistisch seiner Absicht folgend, keine stringente Erzählstruktur aufzubauen, sondern lose verbundene absurde Episoden und „merkwürdige“ Menschen zusammenzuführen. Wobei der Musik eine sowohl stimmungsvolle wie inhaltliche Bedeutung zukommt (hier unter anderen: Aufnahmen von Papa Bue’s Viking Jazz-Band).

Der Abschluss. Der Trilogie. Mit einem wieder umwerfend sautollen Sound. Von traditioneller schwedischer Musik. Die sofort betört. Und zum „tänzerischen Bewegen“ verführt. (Es gibt von beinahe jedem Film inzwischen den Soundtrack dazu: Warum bloß hier nicht???). Ach so ja, der Titel: Bezieht sich, wie Roy Andersson im Presseheft erklärt, auf das Gemälde „Die Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren. Stammt aus dem Jahr 1556. Von einem verschneiten Hügel, der ein kleines flämisches Dorf überragt, sehen wir Dorfbewohner im Tal auf einem gefrorenen See eislaufen. Im Vordergrund kehren drei Jäger und ihre Hunde von der Jagd zurück. Über ihnen sitzen vier Vögel auf den nackten Ästen eines Baums und sehen neugierig auf die geschäftigen Menschen herab. Motto: „Was tun die Menschen da unten? Warum haben sie es so eilig?“ Davon „handelt“ der Film. Der im letzten September bei den Filmfestspielen von Venedig den Hauptpreis, den „Goldenen Löwen“, zugesprochen bekam.

Ein paar Motive: Ein sehr fülliger Mann stirbt beim Entkorken einer Weinflasche im Wohnzimmer, während seine Frau in der Küche singend das Essen vorbereitet. Eine Greisin liegt im Krankenhaus auf dem Totenbett, will aber partout den „bereitstehenden“ Erben ihre Handtasche voller Schmuck und Geld nicht aushändigen. Auf der Caféteria einer Fähre liegt ein toter Fahrgast, der aber sein Essen schon bezahlt hatte. Dieses muss ja nun irgendwie „vergeben“ werden. Plus dem bezahlten Bier. Währenddessen sehen wir zwei überaus traurigen Gestalten, Outdoor-Händler offensichtlich, zu, wie sie sich abmühen, neue Scherzartikel wie Vampirzähne, Lachsack und Gruselmasken zu veräußern, damit die Menschen wieder etwas mehr zum Lachen haben. Während nebenan eine offensichtlich zu heiß gelaufene ältere Flamenco-Lehrerin an ihrem jungen Vor-Tänzer herumzufummeln beginnt.

Einige von insgesamt 37 Episoden aus der phantastischen Zustands-Betrachtung von “Der Mensch und der Raum“ des Roy Andersson. Von herrlich skurril über in schrecklich grün-grau ausgestattetem Steif-Theater angesetzte Farce-Motive bis hin zum melancholischen Passionsspiel um jungen König Karl XII. (1697-1718), posthum auch „Der letzte Wikinger“ genannt, der sich auf dem historischen Kriegsweg gen Russland in eine triviale Kneipensituation begibt. Apropos, Schnaps trinken und kein Geld dafür haben, ist sogar nützlich, wenn die Wirtin pro Glas nur einen Kuss verlangt. Zudem besitzt sie auch noch eine feine Gesangsstimme.

Ich fand es – natürlich – absurd. Trivial-charmant. „Einfach so“ – amüsant. Süffisant choreographierte, minimalistische Kanon-Grotesken mit Gesichtstrauer a la Buster Keaton und Monty Python-Anarchie: Ich verziehe keine Mine und lasse behäbige Figuren sich behäbig bewegen. Komisch? Sinnlos? Zu spröde? Okay. Warum denn nicht. Ich musste des Öfteren an die „Exkursionen“ des New Yorker „The Living Theatre“ denken, dessen Auftritte („Paradise Now“) Anfang der 1970er Jahre in ihrer radikalen Absurditäts-Performance unvergesslich bleiben. So „dicke“ hantiert Roy Andersson nicht, kommt denen aber in ihrem atmosphärischen Ausdruck und der attraktiven Verfremdung nahe. „Eine Taube….“ irritiert. Schon wie schön mächtig. Setzt eine eigenwillige, verschmitzte Lustigkeit in Gang. Und hallt erstaunlich nach. Vor allem aber auch über diese einzigartige „Sonder“-Musik (Wer weiß, wo es den originalen SOUNDTRACK gibt, möge sich bitte melden).

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist uriges Kino ist all seiner un-möglichen Besonderheit (= 4 PÖNIs).