Eine ganz ruhige Kugel Kritik

EINE GANZ RUHIGE KUGEL“ von Frédéric Berthe (Co-B + R; Fr 2013; Co-B: Laurent Abitbol, Céline Guyot, Martin Guyot, Jean-Pierre Sinapi, Atmen Kelif; K: David Quesemand; M: Evgenui und Sacha Galperine; 98 Minuten; Start D: 03.07.2014); korrekt heißt das Spiel eigentlich Pétanque. Genannt und bekannt wurde das Kugel-Spiel aber als BOULE. In Frankreich. Wo es längst zum „Nationalsport Nr.1“ geworden ist. Bei uns nennt man das Boule-Spiel BOCCIA. Es wird sowohl amateurhaft, auf öffentlichen Plätzen, wie auch professionell, in Wettbewerben, ausgetragen.

Sie sind gesellschaftliche Loser. Momo (ATMEN KELIF), Sohn algerischer Einwanderer, und sein Kumpel, Mentor und Ex-Boule-Champion Jacky (GERARD DEPARDIEU). Dennoch geschickt genug, auf den Dorfplätzen ihrer südfranzösischen Heimat ahnungslose wie arrogante Boule-Spieler abzuzocken. Mit einer halbkriminellen Wettspiel-Nummer. Denn Momo ist in dieser Sportart geradezu ein Genie. Doch zu „genügendem Einkommen“ reicht es bei beiden nie. Zumal Jacky Schulden angehäuft hat, die nun „robust“ zurückverlangt werden. Da kommt die Nachricht von einem internationalen Boule-Turnier, für das sich jeder bewerben kann und bei dem der Gewinner 500.000 EURO bekommt, gerade richtig. Jacky beginnt Momo zu trainieren. Und DER schafft es dann auch, in die Auswahl Frankreichs aufgenommen zu werden, erlebt dort aber den rassistischen Alptraum. Einen „algerischen Franzosen“ wollen sowohl Trainer als auch der Sponsor, ein Ölprinz aus dem Nahen Osten, auf keinen Fall akzeptieren. Dulden.

„Les Invincibles“, also, ironisch, „Die Unbesiegbaren“, so der Originaltitel, kann man SO oder auch SOO sehen. Für „So“ spricht: dies hier ist „lediglich“ eine simple französische Komödie um pfiffig-arme Landsleute mit teilweisem Migrationshintergrund. Mit „Rocky“-Charme: Ein Nobody steigt auf. Nicht im Boxen, sondern über das Spiel mit Kugeln. Nach allerlei Hin und Her, samt einer sanften Love Story (mit der schnuckligen VIRGINIE EFIRA als patente Assistentin) und Zerwürfnissen zwischen den Freunden, kommt es wie es (im Kino) kommen muss. Happy Grütze. Auf freundlich französisch.

Die Argumente für das „SOO“ finde ich zutreffender: Wir blicken auf französische Lebens-Läufe. Zwei von Unten denken nicht daran, sich ´runterkriegen zu lassen. Obwohl vieles gegen ihre spielerischen Ambitionen spricht: Die eigene, dauer-keifende Mama von Momo, die ihrem Sohn offensichtlich nicht viel zutraut und ihn am liebsten in das familiäre Bistro zwängen würde; die genervte Ehefrau von „Spinner-Oldie“ Jacky, die ihn verlässt; die brutalen Geldeintreiber; der windige Geschäftstyp, der den Wettbewerb ins Leben gerufen hat; der ausgemachte Trainer-Rassist; die vielen diesbezüglichen intriganten Gemeinheiten und Provokationen; ein Geld-Hai aus Nahost mit genüsslich gepflegtem Drecksrassismus.

Die tückischen Machenschaften zwischen Politik und Wirtschaft. Dies alles aber eingepackt in ein komödiantisches Lustspiel um wahre Verlierer und „richtige“ Sieger. Mit viel Esprit und einigem anspielungsreichen Schalk; etwa, wenn Depardieu, der ja seit geraumer Zeit in Russland staatsbürgerlich „beheimatet“ ist, sich vehement bemüht, einem fassungslosen algerischen Bürokraten zu erklären, dass er dringend beabsichtigt, in das wunderbare Algerien „einzuwandern“. Natürlich wir ahnen, um den dortigen Staats-Pass zu bekommen. Um dann ein raffiniertes Einbürgerungsstückchen einfädeln zu können. Von wegen – Taktieren und Siegen.

„Eine ganz ruhige Kugel“ sorgt für doppelbödiges Vergnügen. Ist ein Spaß mit ironischem Köpfchen. Spielt satirisch mit Frankreichs nationaler Identität. Mit treffsicheren Gedankenspitzen. Von wegen: Als im März 2013 die rechtsextreme französische Partei Front National (FN) den algerisch-stämmigen französischen Fußballspieler Karim Benzema aus der Nationalmannschaft ausschließen lassen wollte, weil er vor Länderspielen die Nationalhymne nicht mitsingt. Regisseur Frédéric Berthe, 35, der gemeinsam mit seinem Co-Autoren und zweiten Hauptdarsteller Atmen Kelif im französischen Privatfernsehen die erfolgreiche Sketch-Serie „Kelif et Deutsch à la recherche d’un emploi“ begründete und bei uns 2008 seinen Kinofilm „Schools Out – Schule war gestern“ hübsch platzierte, entwickelt soliden atmosphärischen Humor und spart nicht mit exzellenten Seitenhieben auf Rassismus, Chauvinismus und Macho-Gehabe innerhalb der oberen französischen Bürgerschicht.

Weil „dafür“ GERARD DEPARDIEU und sein autobiografisch inspirierter Kollege ATMEN KÉLIF, die sich bereits aus „Asterix & Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät“ (2012) kennen, stimmig mitmischen, wird sein „leichter“ Komödienspaß zu einer stimmungsvollen Farce (= 3 ½ PÖNIs).