Eine Frauensache Kritik

EINE FRAUENSACHE“ von Claude Chabrol (Co-B+R; Fr 1988; 108 Minuten; Start D: 26.01.1989.

Frankreich zur Zeit der Nazi-Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Marie, eine junge Frau, Anfang Dreißig, muss sich und ihre beiden Kinder alleine und mühsam durchbringen. Ihr Mann ist im Krieg. Es ist ein karges, hartes, entbehrungsreiches Leben. Mehr aus Gefälligkeit hilft sie einer Nachbarin bei der Abtreibung. Das spricht sich schnell in der kleinen bretonischen Gemeinde herum. Und Marie kommt nach und nach zu einer erquicklichen Einnahmequelle. Kann sich und ihre Kinder aus dem Elend befreien, kann sich nun was leisten. Der kleine Wohlstand der Marie mitten in schlechten Zeiten. Einer befreundeten Prostituierten vermietet sie ein Zimmer und hat nun ein ständiges Einkommen. Als ihr Mann Paul vorzeitig aus dem Kriegsdienst zurückkehrt, findet er eine selbstbewusste, selbständige und lebenslustige Frau vor, die ihn als Familienoberhaupt nicht mehr respektiert. Eine Denunzierung lässt sie mit Brachialgewalt die korrupte, feige und heuchlerische Vichy-Staatsmacht spüren. Marie wird wegen “gesellschaftlicher Unmoral“ eingesperrt und angeklagt.

Eine wahre, private Geschichte als Politikum. Marie-Louise Giraud, deren Leben Claude Chabrol in seinem Film rekonstruiert und nachstellt, wurde am 30. Juli 1943 hingerichtet. Ein von der Vichy-Regierung eingesetztes Spezialgericht, das unsinnigerweise sowohl für Attentäter als auch für den Schwarzhandel und Abtreibungen zuständig war, hatte ihr Gnadengesuch abgelehnt. Der Richter wurde später für unzurechnungsfähig erklärt. Der Film “Eine Frauensache“ ist ein düsterer Blick und die bittere Abrechnung mit einer schmutzigen und gemeinen Zeit in Frankreich. Wobei Männer ausschließlich diejenigen sind, die die Geschicke von allen lenken und vernichten. Mit klarer, anklagender Kraft hält Claude Chabrol seinen Landsleuten einen Spiegel vor Augen und erzählt dabei ein packendes Drama. Isabelle Huppert in der Rolle der Marie ist großartig. Die Huppert unterstreicht erneut, dass sie zu den schauspielerischen Spitzenkräften im europäischen Film gehört.

“Eine Frauensache“ ist ein ausgezeichneter Film. Und zugleich auch ein unbequemer, mitteilsamer Geschichtsunterricht (= 4 ½ PÖNIs).

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