East Side Story Kritik

“Die Geschichte des Filmmusicals wurde im wesentlichen in den USA
geschrieben“ heißt es in ‘Buchers Enzyklopädie des Films‘. Und weiter:
“Außerhalb der USA kann von einer eigenständigen Tradition des Filmmusicals kaum die Rede sein“. Das ist natürlich richtig, doch “Woanders“ wurden im Verlaufe der Geschichte und Filmgeschichte auch Musikfilme/Musikkomödien gedreht, Zum Beispiel: “Im Sozialismus“. Hinter dem damaligen ‘eisernen Vorhang‘ tat man sich allerdings mit dieser eher “kapitalistischen Unterhaltung“ ziemlich schwer. Nur etwa 40 Musikfilme sind im gesamten Ostblock überhaupt entstanden. Das jedenfalls verlautet jetzt in dem neuen Film

EAST SIDE STORY“ (D 1997; 76 Minuten; Start D: 25.09.1997; Video-Premiere: Januar 2001) von Dana Ranga (Co.-B+R.), einem Dokumentarfilm über eben jenes Filmmusical-Schaffen in den ehemaligen Ostblockstaaten und der früheren DDR.

Der Film „East Side Story“ handelt also weniger vom Ernst und mehr vom
Vergnügen in und am Sozialismus. In der Kulturpolitik und dem daraus resultierenden Produktions- und
Auswertungsbedingungen waren die MUSICALS ausgesprochene Stiefkinder.
Helmut Hanke, Soziologe und Kulturwissenschaftler mit dem
Forschungsschwerpunkt Populärkultur, war als ehemaliges Mitglied im
Staatlichen Komitee für Unterhaltungskunst der DDR damals “mitten drin“
im politischen Geschehen und berichtet in dem Film darüber.

Selbstverständlich durften Lieder Ausdruck von Arbeitsfreude sein. Doch der sozialistische Realismus verbot choreographische Tanznummern auf dem Feld oder in der Fabrik. Stattdessen verwandelte man die Bewegungen der Arbeiter in Choreographien, die in ihrer überschäumenden Freude mit jeder Hollywood-Tanznummer gut und gern mithalten konnten. Aber: Es ging dabei eben nicht um ein privates Glück, sondern einzig um das Glück in der körperlichen Dauer-Arbeit.
„East Side Story“ zeigt sie endlich vor: Singende Schweinehirten, tanzende Matrosen, glückliche Hausfrauen, sozialistische Sommerferien, Cinderellas in der Fabrik. Produktionen aus der Sowjetunion, der CSSR, aus Rumänien, Polen, Bulgarien und der DDR waren mitunter verschwenderisch in Ausstattung, Inszenierung und Technik und professionell bemüht, auch dem “sozialistischen Zuschauer“ gute Unterhaltung zu bieten.

Einer der wenigen und auch noch satirischen DDR-Musikfilme heißt “Revue um Mitternacht“. Er entstand unter der Regie von Gottfried Kolditz zur Zeit des Mauerbaus. Also eben zu jener Zeit, als auf der
gegenüberliegenden Westberliner Seite gerade Billy Wilder die Polit-Komödie “Eins, zwei, drei“ schuf. “Revue um Mitternacht“ handelt von den Schwierigkeiten, die ein DEFA-Team bei der Verwirklichung eines Musikfilms hat. Über eine Million Menschen sahen im Sommer 1962 diesen Film innerhalb von nur 2 Monaten. „Revue um Mitternacht“, in Breitwand und 6-Kanal-Ton und mit Manfred Krug in einer der Hauptrollen gedreht, zählt zu den komischen Entdeckungen in diesem amüsanten Reigen der Ostblock-Musicals.

Der Dokumentarfilm „East Side Story“ bietet mit zahlreichen Filmausschnitten und Interviews der Akteure von einst einen ebenso unterhaltsamen wie informativen Einblick in eine bis dahin unbekannte Welt des „sozialistischen“ Musicals (= 3 ½ PÖNIs).