Drecksau Kritik

DRECKSAU“ von Jon S. Baird (B + R; GB/D/USA 2012; K: Matthew Jensen; M: Clint Mansell; 97 Minuten; Start D: 17.10.2013); sein Debütroman „Trainspotting“ schlug 1993 ein wie eine Bombe. Und machte den damals 35jährigen Hafenarbeitersohn IRVINE WELSH aus dem schottischen Edinburgh über Nacht berühmt. Drei Jahre später festigte die Verfilmung von Danny Boyle („Trainspotting – Junge Helden“) den Kultstatus des Buches, das die von Drogen, Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägten Abenteuer einer Gruppe junger Schotten in Edinburgh beschreibt. 1998 veröffentlichte Irvine Welsh den Roman „Filth“ (wortwörtlich „Schmutz“), der im Jahr darauf hierzulande unter dem Titel „Schmutz“ erschienen. Der deutsche Filmtitel jetzt trifft die Hauptfigur von Roman und Film sehr viel deutlicher: Dieser Glasgower Polizist Bruce Robertson (JAMES McAVOY) ist menschlich eine solche. DRECKSAU.

Er ist durch und durch korrupt, kokain- und alkoholabhängig; sein Charakter ist saumiserabel. Seine Machtposition als Detective Sergeant missbraucht er regelmäßig für sexuelle Gewalttaten und für listige Intrigen gegen seine Kollegen. Die Frauen diskriminiert er, ein schwuler Kollege wird vor dem homophoben Chef verunglimpft. Er ist schuldig eines Mordes, der Körperverletzung und Vergewaltigung. Er zerstört die Ehe eines naiven Freundes und Logenbruders (EDDIE MARSAN), belästigt dessen Frau und lässt diesen unter falschen Anschuldigungen verhaften. Viele seiner Taten sollen ihm zur lang ersehnten Beförderung verhelfen. Seine Aggressionen aber sind reiner Selbstzweck. Bruce Robertson steht sich zudem selbst im (Dauer-)Weg. Seine Exzesse sind auf Dauer nicht immer zu übertünchen, zu verheimlichen. Er entpuppt sich als Seelen-Wrack mit leidvoller Jugendvergangenheit, zudem „wütet“ er unter der „Flucht“ seiner Frau. Die ihn vor Jahren mit der Tochter verlassen hat. Er ist eine üble Existenz, der unter bizarren Alpträumen leidet, dessen „Aktionen“ immer pathologischer und verzweifelter werden. Verzerrt kommentiert von ihm selbst aus dem Off und begleitet von seinem windigen „Irrenarzt“ Dr. Rossi (JIM BROADBENT).

Alles andere als ein „guter“ Held. Ist diese „Drecksau“ Bruce Robertson. In DEN der 33jährige Schotte JAMES McAVOY (2006 der Leibarzt von Idi Amin in „Der letzte König von Schottland“; ein Jahr darauf als Robbie Turner neben Keira Knightley in „Abbitte“) faszinierend „säuisch“- menschlich hineinkriecht. Hineinschaut. Wie ER in diesem Milieu-Drama charismatisch wie diabolisch- wirkungsvoll dieses Wrack Bruce Robertson auslotet und lakonisch –wüst „rocken“ lässt, ist ungeheuerlich. Gut. Überzeugend. Furcht einflößend. Gänsehaut- brillant. Während Drehbuch-Autor und Regisseur Jon S. Baird (Regiedebüt 2008 mit „Cass“) bisweilen unnötig räumlich ausschweift („die Einspielung“ Hamburg wurde wohl nur ein Thema wegen der deutschen Produktionsmitbeteiligung). Und dadurch den dichten Faden mitunter etwas schleifen lässt. Was aber nur den Rand berührt.

„Drecksau“ fährt auf der Stanley Kubrick-Niveau-Schiene („Uhrwerk Orange“), bietet (wie damals Kubrick mit Malcolm McDowell) mit James McAvoy einen ungeheuer präsenten Soziopathen mit souveränem Dunkelcharme auf UND ist ebenso spannend und faszinierend mit diesem qualitativ hochkarätigen Ensemble-Aufgebot – mit den wie stets überragenden „Einzelkönnern“ EDDIE MARSAN (noch im Kino mit dem Kneipen-Zombie-Happening „The World’s End“; 2009 in „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ brillant); „Oscar“-Preisträger JIM BROADBENT („Iris“); JAMIE BELL („2000 der „Billy Elliot – I Will Dance“) oder IMOGEN POOTS („V wie Vendetta“; „Solitary Man“).

„Drecksau“ als begeisternde „schwarze Poesie“ („epd-Fillm“). Als wütender tour de force-Lauf eines gesellschaftlich Umgekippten, als grandioser Abgrund-Britenduft-Spaß mit bzw. von enormer Sog-Kraft. Und mit einer sarkastisch-wüsten emotionalen Volldampf-Wirkung. In absehbarer Zeit wird für „Filth“ Kultstatus ausgerufen (= 4 PÖNIs).