Drachenläufer

DRACHENLÄUFER“ von Marc Forster (USA/China; 128 Minuten; Start D: 17.01.2008); einem deutschstämmigen Schweizer, der seit der Jahrhundertwende in Hollywood Fuß gefasst hat.

Aber der Reihe nach: Marc Forster, geboren am 30. November 1969 in Illertissen/Ulm, Sohn eines deutschen Arztes und Pharmaunternehmers, der im Wintersportort Davos (im Kanton Graubünden) aufwuchs. Nach dem Gymnasium Studium an der Filmschule der New York University; Abschluss 1993. Zwei Jahre darauf entsteht mit einem Budget von 10.000 Dollar der experimentelle Film „Loungers“. Im Jahr 2000 zieht Forster nach Los Angeles. Mit einer Amateurkamera, 100.000 Dollar und Schauspieler und Technikern, die ohne Lohn arbeiten, dreht er das psychologische Horror-Drama „Everything Put Together“, das beim Sundance Festival erstaufgeführt und für den Jury-Preis nominiert wurde. Seitdem „ist er wer“ und beginnt seine KARRIERE: 2001 entsteht „MONSTER´S BALL“, der zwei „Oscar“-Nominierungen einheimst, HALLE BERRY gewinnt als erste Afroamerikanerin den „Oscar“ als „Beste Hauptdarstellerin“. Gleich 7 „Oscar“-Nominierungen erhält er für seinen nächsten, 2004 gedrehten Film „WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN“, die Geschichte um den Peter-Pan-Autoren J.M. Barrie, mit Johnny Depp und Kate Winslet in den Hauptrollen. Danach entstehen die Spielfilme „Stay“ (2005/mit Ewan McGregor) und „Schräger als Fiktion“ (2006/mit Will Ferrell/Dustin Hoffman/Emma Thompson). Beim – noch titellosen – neuen/23. Bond-Film, der sich momentan in der Dreh-Anfangsphase befindet, führt Marc Forster Regie.

Der Erstlings-ROMAN „Drachenläufer“ stammt von KHALED HOSSEINI und wurde 2003 unter dem Originaltitel „The Kite Runner“ und ein Jahr darauf bei uns unter dem Titel „Drachenläufer“ veröffentlicht. Seitdem ist er in über 40 Ländern erschienen, wurde weltweit über 7 Millionen Mal verkauft.

Khaled Hosseini wurde am 4. März 1965 in Kabul/Afghanistan als Sohn eines Diplomaten geboren. Die Mutter unterrichtete Persisch und Geschichte an einer Mädchen-High-School. 1976 verließ die Familie Afghanistan, als Khaleds Vater eine Stelle an der Afghanischen Botschaft in Paris bekam. 1980 emigrierte die Familie in die USA; die Familie ließ sich in San José/Kalifornien nieder. Khaled studierte Medizin in San Diego und arbeitete anschließend als Internist. Heute hat er die Arbeit als Arzt unterbrochen und lebt als Schriftsteller mit seiner Familie in Kalifornien. Im August 2007 erschien sein zweiter Roman: „Tausend strahlende Sonnen“, der ebenfalls in Afghanistan spielt.

Zum Film: Mit AFGHANISTAN verbinden wir heute Negativ-Begriffe wie Terror, Taliban, El Kaida. Sehen bärtige Stammeskrieger, Opiumfelder, Waffen. Wie aber war es in DEN ZEITEN bevor es dort den Krieg mit der Sowjetunion und bevor es die Taliban gab? Davon handelt die Geschichte, erzählt der Film. Dabei verarbeitet Roman-Autor Khaled Hosseini Erinnerungen an die eigene privilegierte Kindheit als Diplomaten-Sohn. Schildert die Geschichte der Kinder Amir und Hassan.

Mitte der 70er Jahre ist Kabul eine malerisch von schneebedeckten Bergkuppen umgebene blühende Metropole. Mit orientalischem Flair und gelassener Lebensart. Amir, der Sohn des Hausherrn, und Hassan, der Sohn eines Haus-Angestellten, verbringen viel Zeit zusammen. Sowohl beim beliebten Windvogel-/Drachen-Wettkampf wie auch im Kino mit heißgeliebten Western-Filmen. Doch eines Tages zerbricht diese Freundschaft, als Hassan von einem stärkeren, älteren Junge vergewaltigt wird und Amir nicht eingreift/seinem Freund nicht beisteht. Aus Scham über seine Feigheit verrät Amir die tiefe Freundschaft. Viele Jahre später muss er sich als Erwachsener, der nun mit eigener Familie in den USA lebt, seinen Erinnerungen/seiner Schuld stellen. Muss zurückkehren, um eine große moralische Schuld endgültig zu tilgen.

Ein packender Roman, ein ebenso GROßER Wurf von Film. Der überwiegend an einem Ort der Welt spielt, der „so“ selten beachtet wird. (Gedreht wurde übrigens in der westchinesischen Wüste, an der Grenze zu Afghanistan). Dabei eine universelle Geschichte angenehm ruhig wie nahegehend ausbreitet: Freundschaft, Verrat, Schuld und Sühne. Es ist ein Film der „Entwicklungen“, das heißt – man muss sich hierauf „einlassen“, quasi in die sich unaufgeregt entwickelnde Geschichte eintauchen (wie eben auch in diesen ganz vorzüglichen Roman), die Geschehnisse und Ereignisse aufnehmen/wirken lassen, sich an die vergleichsweise „fremden“ Personen ebenso „herantasten“ wie an diesen weitgehend unbekannten (Leinwand-)Ort, an diese weitgehend „unbekannte Spielfilm-Stelle“ der Welt. DANN IST ES EIN WUNDERBARES GENUß-ABENTEUER, hier zuzuschauen/zuzuhören.

Marc Forster versteht es ausgezeichnet, Stimmungen/Gefühle/Zeitzeichen auszubreiten und ohne moralische oder politische oder gar belehrende Ausrufungszeichen zu setzen, ganz im Gegenteil: Man ist ob dieser „anderen“ Stimmungen und schicksalhaften Abläufe dauerhaft interessiert, gespannt wie dann auch betroffen. Wobei natürlich das zuletzt hochaktuelle (Taliban-)Umfeld ebenso brisant, aber eben nicht hyperhysterisch schematisiert wird. Sondern in einem sensiblen Spannungsrahmen eingebunden ist, der menschlich und politisch niemanden kalt lassen kann. Die Neugier für die afghanische Geschichte/für die afghanische Kultur und deren Sitten und Gebräuche wird durch den Film jedenfalls immens „geweckt“. Ein in jeder Hinsicht aufregender, im besten Sinne SPANNENDER Menschen- und Kultur-Film, der (angenehm-)viel unter die Haut und in den Kopf steigt. Was natürlich nicht zuletzt auch an dieser geglückten Darsteller-Mischung aus Profis und Laien liegt: Der Auftritt des jetzt 13 Jahre alten AHMAD KHAN MAHMOODZADA als junger Hassan „zählt zu den großartigsten Kinderdarbietungen in der Filmgeschichte“, befand die „New York Times“. Und auch die weiteren – unbekannten – Akteure verleihen dem Stoff wie den Bildern eine immense Würde und Authentizität.

Der „Spiegel“ notiert in dieser Woche völlig zu Recht: Der schwierige Spagat zwischen Kunst- und Kommerzkino ist hier jedenfalls mühelos wie vollauf geglückt: Ein KLASSE-Film! (= 4 ½ PÖNIs)