DON’T WORRY, WEGLAUFEN GEHT NICHT

„DON’T WORRY, WEGLAUFEN GEHT NICHT“ von Gus Van Sant (B + R; nach der gleichn. Autobiographie von von John Callahan/1989; USA 2017; K: Christopher Blauvelt; M: Danny Elfman; 115 Minuten); er hatte zwei Leben. Im ersten war er ein Arschloch-Alkoholiker, im zweiten an den Rollstuhl gefesselt und immer mehr „geläutert“. Die Rede ist vom amerikanischen Cartoonisten JOHN CALLAHAN aus Portland, Ohio (1951 – 2010). Der 1972, im Alter von 21 Jahren, nach einem Autounfall querschnittsgelähmt war und seine Hände nur eingeschränkt bewegen konnte. Und der bei seinen Karikaturen häufig und auf makabere Weise menschliche Behinderungen und körperliche Unzulänglichkeiten schwarzhumorig verarbeitete. Hierzulande sind sowohl seine Autobiographie – diese unter dem deutschen Kino-Titel – und Sammlungen wie „Du störst“ oder „Deine Stalltür ist offen“ erschienen.

Anfangs ist John ein aufsässiger, angeberischer wie verzweifelter Loser. Der es bis ins Erwachsen-Sein nicht verarbeiten kann, dass ihn einst seine Mutter weggegeben hat zur Adoption. Er säuft wie ein Loch, lebt ein unstetes Leben und mag schräge Witze. Der Autoren-Regisseur GUS VAN SANT, 66, als Spezialist für starke Biographien von renitenten, unangepassten Menschen bekannt („Drugstore Cowboy“/s. Kino-KRITIK); „To Die For“; „Good Will Hunting“; „MILK“ (s. Kino-KRITIK), bemüht viel (Film-)Zeit, um – mit Hin-und-Her- und Zurück-Zeit-Sprüngen – das Quasi-„Vorleben“ dieses Mannes ausführlich zu beleuchten; bis es dann zum Exzess kommt und er schwer gehandicapt überlebt. Sich wütend mühsam „damit“ abfindet, sich in eine anonyme Alkoholiker-Gruppe quält, um dann mithilfe des dortigen Zwölf-Schritte-Programms langsam aber beständig in die humane Wertegemeinschaft zurückzufinden.

Eine Stunde vergeht und er geht schon mal auf den Keks. Mit seinen fiebrigen Spinnereien-Getöne und dem vielen Suff. Marke: Eigenzerstörung. Wenn dieser Dauer“plauderer“ mit seinem elenden Zynismus und seinem sarkastischen Verzweiflungs-Überheblichkeits-Auftreten herumtönt. Sich, als er den Rollstuhl „erreicht“ hat, vollpisst und sich in Selbstmitleid ergeht. Bis er – jetzt beginnt der heilende, „beruhigende“ Filmteil – seine professionellen Fähigkeiten als Zeichner entdeckt, wo er seine Wut endlich adäquat herauszeichnen kann. Mit der bekannt-groben Strichführung, weil er seine Arme eben nur begrenzt zu bewegen vermag.

Der Film ist vollends auf JOAQUIN PHOENIX gepolt. Der 43jährige befindet sich in darstellerischer Hochform und präsentiert sich hier – neben seinem Part als Johnny Cash in „Walk The Line“/2005/“Oscar“-Nominierung – erneut als grandioser Spitzen-Charakter-Mime, der in fast jeder Einstellung mit-dabei ist und sich abrackert, als gäbe es kein Seelen-Morgen mehr. Phoenix, zuletzt beeindruckend in „A Beautiful Day“, „Irrational Man“ und „Her“ (= s. Kino-KRITIK), liefert eine spannende, faszinierende Performance, die unter die Haut geht. Aber: Da Gus Van Sant viele Eingangs-Zeit verschenkt und in die Nähe von Langeweile rudert, bis er dann den Einweg-Erzähl-Schalter human umdreht, vermag auch seine Seelen-Explosion mit diesem Brachial-Typen John Callahan nur begrenzt zu fruchten. Anzusprechen. Schade, bei diesem Film war mehr drin, weil „D E R Spieler“ ALLES gibt (= 3 PÖNIs).