DER UNVERHOFFTE CHARME DES GELDES

PÖNIs:      (4/5)

„DER UNVERHOFFTE CHARME DES GELDES“ von Denys Arcand (B + R; Kanada 2017/2018; K: Van Royko; M: Mathieu Lussier, Louis Dufort; 129 Minuten; deutscher Kino-Start: 01.08.2019); heißt im Original „La chute de l‘ empire américain“; „Der Fall des amerikanischen Imperiums“, ist ein komödiantischer Gesellschaftsthriller aus Québec und setzt eine ironische Überschrift des Autoren-Regisseurs an den Anfang: „Wir alle sind Untertanen des amerikanischen Imperiums. Der moralische Verfall des Imperiums hat begonnen uns anzustecken. Die Omnipotenz des Geldes ist nur ein Symptom dieser Krankheit. Werden wir Antibiotika finden, die stark genug sind, die Seuche zu bekämpfen?“ 

DENYS ARCAND: Jahrgang 1941, aus Québec. Internationalen Ruhm erlangte er 1986 mit dem Spielfilm „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, einem amüsant-klugen Essay über den Wertezerfall in der modernen Wohlstandsgesellschaft (Auslands-„Oscar“-Nominierung). 1989 folgten weitere clevere Denk-Hiebe mit dem Streifen „Jesus von Montreal“ (s. Kino-KRITIK). Für die Fortführung von „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, Titel: „Die Invasion der Barbaren“, wurde er 2003 mit dem Auslands-„Oscar“ bedacht – sowie mit dem Preis für das „Beste Drehbuch“ beim Cannes-Festival und in Frankreich mit drei „Césars“. Außerdem ist Denys Arcand auch als provokanter Dokumentarfilmer „berüchtigt“: Sein langer Film über die Textilindustrie „We work in Cotton“, 1970, der die Ausbeutung der Textilarbeiter zeigt, war in Kanada fünf Jahre lang verboten. Fazit-heute jedenfalls: Denys Arcand hat bislang für seine Filme sechs kanadische „Genie Awards“ (= kanadische „Oscars“) erhalten und erhielt im Februar 2004 eine der höchsten französischen Auszeichnungen, als er in den „Ordre des Arts et des Lettres“ aufgenommen wurde.

Mit seinem neuesten Film stellt Denys Arcand eine augenzwinkernd-witzige Frage: Was kann passieren, wenn ein leidenschaftlicher Kapitalismus-feindlicher Typ um die 30 plötzlich zu riesig viel Geld kommt? Pierre-Paul (ALEXANDRE LANDRY) ist enorm intelligent. Als menschenfreundlicher Bücherwurm und Doktor der Philosophie weiß er Zitate von Kant, Sokrates und Aristoteles auswendig (und „zu verwenden“), hat aber im „realen Leben“ reichlich Defizite. Motto: der treuherzige Pierre-Paul empfindet sich als zu schlau, um mit den Unebenheiten des „banalen“ Alltags klarzukommen. Deshalb arbeitet er auch „nur“ als Lieferfahrer. Zugleich hilft er ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe in Montreal mit. Ausgerechnet ER kommt zufällig zu SEHR viel Money. Als Zeuge eines schief laufenden Raubüberfalls „kriegt“ er sozusagen un-freiwillig zwei prall gefüllte Geldtaschen in die Hände. Beziehungsweise: greift zu, als sich die Chance für eine solche Millionen-Beute bietet. Doch jetzt beginnen für den unsicheren Schlaumeier die eigentlichen Probleme. Nichts ist mehr so wie vorher. Schließlich „bewegen“ sich Polizei, Mafia und andere düstere Verfolger mehr und mehr in seine Richtung. Doch zunächst „gönnt“, also erfüllt sich der verunsicherte scheue Solist mit dem Escort-Girl Aspasie – benannt nach einer antiken Philosophin (hinreißend die Debütantin: MARIPIER MORIN) – etwas Körper-Gutes. Und macht sie sogleich zu seiner Komplizin. Weitere Profi-Helfer folgen. Denn heutzutage benötigt man mit einem solchen (und dann noch: Bar-)Kapital ausgebuffte Finanz- bzw. hochkarätige Transfer-Experten als Weg-Weiser…

Denys Arcand gibt sich ebenso liebevoll wie brutal. Kaum setzt sich satirischer Ton durch, etwa bei einer listigen Videokonferenz unter globalen Finanz-Entscheidern, die veranschaulicht, wie Viel-Geld heute „versenkt“ wird beziehungsweise verschwindet, müssen wir die Kehrtwendung akzeptieren: wenn es um GELD geht, wird auch gefoltert. „Der unverhoffte Charme des Geldes“ bindet vieles mit-ein: Romanze, Polizei-Gewalt, Kapitalismus-Farce, Thriller-Stimmung, Moral-Emotionen wie – die perfide Handhabung in Sachen: modernes Finanzgebahren. Und: wir leben in Trump-Zeiten: „63 Millionen Amerikaner haben ihn gewählt“, merkt Aspasie an; „Die Schwachsinnigen beten einen Idioten an“, lässt Autor Arcand seinen Antihelden feststellen.

Der filmische Ausgang schließlich beherbergt einen Wunschtraum. Ein spannender, ebenso amüsanter, ebenso hintergründiger, ebenso latent gemein-gefährlich-guter Unterhaltungsfilm. Was für das schlaue, genussreiche Sommerkino-Gefühls-Kopf-Programm (= 4 PÖNIs).

 

 

 

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