DER AFFRONT

„DER AFFRONT“ von Ziad Doueiri (Co-B + R; Libanon/Belgien/Fr/Zypern/USA 2017; Co-B: Joelle Touma; K: Tommaso Fiorilli; M: Éric Neveux; 109 Minuten); ein aktuelles, globales Kopf-Thema – wenn schon zwei Menschen nicht in der Lage sind, vernünftig miteinander auszukommen, also respektvoll und friedlich, dann doch erst recht nicht „mehrere“. Also Familien, ganze Sippen, Völker.

An einem heißen Sommernachmittag in Beirut. Tony Hanna (ADEL KARAM) gerät mit Yasser Salameh (KAMEL EL BASHA) in einen heftigen Disput. Anlass: Ein illegal montiertes Abflussrohr am Balkon von Tony, dem aufbrausenden Mechaniker, Christ und gebürtigen Libanesen. Yasser, Vorarbeiter am Bau, ist palästinensischer Flüchtling, und auf „die Palästinenser“ hat Tony sowie „solch einen Hals“. Im Eifer des Verbalgefechts lässt Yasser sich zu einer Beschimpfung hinreißen, die alles verändert. Denn als Tony, ebenso arrogant wie hitzköpfig, Yassers halbherzige Entschuldigung ablehnt und stattdessen diesen nun beleidigt, eskaliert der Streit. Landet schließlich vor Gericht. Weitet sich zu einer Kettenreaktion aus von wegen: einer Mischung aus verletzter Ehre und religiösem Eifer. Während die Anwälte diskutieren, streiten, während allmählich die Medien hellhörig werden und sich einmischen, während am Rande rechte Libanesen und palästinensische Flüchtlinge auf den Straßen randalieren, lernt man die beiden Kontrahenten wirklich kennen.

Und dieser präzise Seelen-Blick auf Tony und Yasser, die sich im Grunde sogar ziemlich ähnlich sind von wegen der nicht aufgearbeiteten Traumata des Bürgerkriegs, deren Wunden längst noch nicht verheilt sind, lässt diesen packenden Streifen zu einer spannenden thrillerhaften Parabel werden: über Ursache und Wirkung; über die Auswüchse männlicher Egomanie.

„Der Affront“, das ist ein gleichnishafter Konflikt, wo – fast drei Jahrzehnte nach dem Waffenstillstand – in Beirut immer noch eine unsichtbare Front verläuft zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen. Wo aus Fanatismus, oberflächlichen Verallgemeinerungen und primitiven Vorurteilen eine Gefühlswallung zu entstehen vermag, die zu einem großen gesellschaftlichen Feuer ausufert. Bei dem es letztlich völlig egal ist, wer es einst angezündelt hat. Der Film bewegt sich schließlich hin zu einem tiefenpsychologischen Gerichtssaal-Spektakel, bei dem sinnloser Nationalstolz und ein diffuses Ehrgefühl zum Vorschein gelangen und sehr viel – Grenzen-sprengende – Allgemeingültigkeit ausstrahlen.

Regisseur ZIAD DOUEIRI („The Attack“/2012), der sein Handwerk unter anderem als Kameraassistent bei Quentin Tarantino gelernt hat, realisierte einen vielschichtigen Spannungsfilm, der in diesem Jahr für den Auslands-„Oscar“ nominiert war. Die Hauptrollen übernahmen der Beiruter Comedian ADEL KARAM und der renommierte palästinensische Theater-Schauspieler KAMEL EL BASHA, der für diese Rolle beim Venedig-Festival mit der „Coppa Volpi“ als „Bester Darsteller“ ausgezeichnet wurde. Ein Film mit viel (Be-)Deutung (= 4 PÖNIs).