Dem Himmel ganz nah

DEM HIMMEL GANZ NAH“ von Titus Faschina (B+R; D/Rumänien 2010; 97 Minuten, schwarz-weiß; Original mit dtsch. UT; Start D: 13.10.2011); das ist für mich selbst eine Überraschung: Wir haben es in dieser Woche mit insgesamt 10 neuen Kinofilmen zu tun. Dass mich darunter „ganz besonders“ ein Film beeindruckt, für den – zunächst, also ´rein von der Beschreibung her – wenig „spricht“, kommt auch nicht alle Tage/Wochen/Monate vor. 1.) Es handelt sich um einen Dokumentarfilm. 2.) Er ist in Schwarz-Weiß hergestellt worden. 3.) Er spielt in den rumänischen Karpaten. 4.) Erzählt von einer dort lebenden dreiköpfigen Schäfer-Familie. 5.) Er läuft in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. 6.) Noch was? Ach ja : Im „Kultur-SPIEGEL“, Ausgabe Oktober 2011, steht die tollste Kritik, die ich je gelesen habe: „Glaubt eh keiner, dass eine Schwarzweiß-Doku über einen Berghirten in den rumänischen Karpaten ein fesselndes, bildgewaltiges Kinoerlebnis sein kann. Ist aber so“.

Titus Faschina: Geboren 1964 in Ost-Berlin. Ausbildung zum Werbegestalter 1982. Abitur 1987. Studium der Theater- und Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Dramaturgie an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Hochschule der Künste, Berlin. Diplom 1995. Promotion zum Dr. phil. An der Humboldt-Universität zu Berlin, 1999. Thema: „Mythenbildung und moderne Rezeption in traditionellen Gesellschaften Siebenbürgerns/Transsilvaniens“. Seitdem als freier Autor/Redakteur für verschiedene Publikationen bei diversen wissenschaftlichen Projekten und Tätigkeiten „unterwegs“. Thematischer Schwerpunkt: Die Kulturen Südosteuropas, speziell des Karpatenraums.

Liest sich „hochkulturell“. Intellektuell verbrieft. „Schwer“. Riecht mehr nach „Aufgabe“ denn nach KINO. „Dem Himmel ganz nah“ ist aber KINO. In vollem Umfang. Also visuell wie dramaturgisch. Beziehungsweise umgekehrt. In Zeiten virtueller Welten, der digitalen Sturm-Epoche, der blitzschnellen globalen Kommunikation halten wir auf einmal ein. Einfach mal so. Ohne System- oder Zeitkritik. Ohne „Fahnen“-Botschaft mit dickem Ausrufungszeichen. Ohne gewaltiges Betroffenheits-Trara. Sondern „nur“ als Denk- wie Fühl-Motiv. In Form eines individuellen (Lebens-)Ausdrucks. Dem Wunsch, so SEIN zu wollen, zu dürfen, wie es erwünscht ist.

Die Beteiligten: Maria, Dumitru + Radu Stanciu (16). Die Familie. Sie leben auf einer Alm in den Karpaten. Viele sind inzwischen dort „weg“, sie aber „halten“ es dort aus. Entbehrungsreich, aber zufrieden. Freiwillig. Ohne Stromanschluss, also auch ohne Fernsehen und Internet. Inmitten ihrer Tiere. Schafe. Hund. Pferd. Klaglos. Nun gut, Hilfskräfte wären nicht schlecht, dann hätten sie noch mehr Schafe, aber es will halt keiner mehr hier SEIN. Also packen sie es alleine. An. Alle drei. In der faszinierenden landschaftlichen Weite des transsilvanischen Karpatenbogens, ganz nah am Himmel entlang. Wo die Mythen der Berge „leben“, zwischen Bären und Wölfe.
Der Berliner Dokumentarfilmer begleitet die Familie über einen Jahreszyklus hinweg bei den täglichen Verrichtungen. Schafe hüten, Schafe scheren, Schafe melken, Käse zubereiten, beim Schlachten. Bei der Landbestellung. Beim Zusammensein. In ihrer Hütte. Manchmal geht es hinunter in die Stadt. Zum Verkaufen. Zum Gottesdienst. Oder wenn Radu erst zu Fuß durch den Wald und dann mit dem Bus in Richtung Berufsschule in die Kreisstadt Sibiu unterwegs ist. Dann wird etwas „Zivilisation“ sichtbar. Schlichte Häuser. Autos. Antennen. Ansonsten ist man in dieser nordwestlichen rumänischen Einöde unter sich. Spricht kurz darüber. Zu uns hin. Über Gegenwart und mögliche Zukunft. Was einmal war, was jetzt ist. Und möglicherweise werden wird. Denn Radu will „weitermachen“. Fühlt sich hier, an diesem „Auslaufmodell“ von traditionellem Naturleben, wohl. Sagt er. Glaubhaft. Wie überhaupt diese atmosphärischen Bilder (Kamera: BERND FISCHER) eines heutigen Lebens im EURO-Land Rumänien außerordentlich wahrhaftig wie porentief wirken. Dringen. Eindringen.

„Dem Himmel ganz nah“ ist grandiose „normale“ Spiritualität. Völlig unspinnerhaft. Ganz im Gegenteil: Vater Dumitru ist Realist und eine Art rumänischer „Schwejk“: Hat „das Schmunzeln“ in seinen Augen. Stoisch und gelassen. Mit sich im Reinen. Im ewigen Kreislauf. Von Zeiten und Leben. In dieser prächtigen Landschaft.
Große Bilder, phantastische Gedanken. Unsere „andere Welt“. Tiefes Eintauchen, Einlassen möglich. Erwünscht. Ein spannender Tiefseelen-Film. Spektakulär einfach. Mit ebensolcher „kräftigen“ einheimischer Atmo-Musik (Komposition: ALEXANDER BALANESCU).

Was für ein Erlebnis von KINO: „Dem Himmel ganz nah“ ist ein faszinierendes Doku-Stück mit viel packender Seelen-(An-)Bindung.
Sehr, sehr, SEHR beeindruckend (= 4 ½ PÖNIs).