Delicatessen

Die Zeiten sind hart. Und die Kluft zwischen arm und reich ist groß. Die Folge: Man muss “unten“ noch enger
zusammenrücken und sich bisweilen sogar ans Eingemachte vergreifen, um überleben zu können. Stichwort: Kannibalismus und so was. Davon erzählt ein neuer, superber französischer Film.

Er spielt irgendwo am Rande der Stadt. Das Haus, auf das wir uns konzentrieren, ist heruntergekommen. Ebenso seine Bewohner. “Delicatessen“ verheißt ein rostiges Blechschild, das im fahlen Dämmerlicht einer phantastischen Ruinen-Landschaft leise klirrend von der einsamen Hauswand grüßt. Doch die Ware, die es hier gibt, ist ebenso zweifelhaft wie delikat. Und teuer. Die Hausgemeinschaft weiß ein Lied davon zu klagen: Denn hier frisst der Mensch sich selber auf. Eines dunklen Tages trifft Louison hier ein. Ein ehemaliger Clown, dessen Partner verschwunden ist und, der mit der Säge wunderbare Klänge hervorbringt. Louison, ein Narr mit Herz und Verstand, in den sich die Tochter des Fleischers verliebt. Und der auch sonst im Haus zu helfen weiß.

DELICATESSEN“ von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caró (Fr 1991; 99 Minuten; Start D: 09.04.1992) heißt der Debütfilm .

Sie sind beide Mitte Dreißig und kommen aus der Werbe- und Comic-Szene. Ihr surrealer, bitter-komischer Film ist eine irrwitzige Untergangs-Revue. Orwell und Freud lassen schön grüßen und standen bei dem Dekor Pate: Denn die Wände haben hier sogar Augen und Ohren. Wasserleitungsrohre sind die perfekte Abhöranlage, während die Kamera sich in abgründigen Tiefen genüsslich suhlt. “Tanz den Kannibalismus“ lautet das gemeine Motto der Stunde. Doch: Es gibt auch Widerstand. Eine Art Vegetarier-Resistance hat sich in den Schächten unterhalb der Stadt gebildet, doch auch sie besteht nur aus Narren mit Tiefsee-Kappen.

Der Mensch ist schlecht, lautet das Thema dieses delikaten Alptraums mit dem atmosphärischen Charme eines Kultfilms. Die Beteiligten sind bis auf Dominique Pinon unbekannt, ihn kennen wir als Bösewicht aus dem Kultobjekt “Diva“. “Delicatessen“ ist der filmische Triumph des Absurden, die knackige Antwort der Seele auf die Schmerzen der Gegenwart. Ein formidabler Filmschmaus (= 5 PÖNIs)!