Das Leben ist nichts für Feiglinge Kritik

DAS LEBEN IST NICHTS FÜR FEIGLINGE“ von André Erkau (D 2012; B: Gernot Gricksch, nach seinem gleichn. Roman; K: Ngo The Chau; M: Steffen Kahles & Christoph Blaser; 98 Minuten; Start D: 18.04.2013); der 44jährige, in Dortmund geborene und in Bremen aufgewachsene Regisseur (und Drehbuch-Autor) fiel mit seinen bisherigen zwei Kinospielfilmen „Selbstgespräche“ (2008/trotz “Max-Ophüls-Preis“) und „“Arschkalt“ (2011) nicht „doll“ auf. Eher durch. Sein 3. Kinofilm aber überzeugt. Mit ungewohnten Zwischentönen. Spannenden Charakterentwicklungen. Tragikomischen Pointen. Zwischen Sterben und Leben.

Markus (er wird immer interessanter jenseits des Prolls: WOTAN WILKE MÖHRING), der Catering-Unternehmer, bekommt den ersten „Stopp“ in seinem gut funktionierenden (DA-) Sein: Seine geliebte Frau ist gestorben. Seine Versuche, dies bald in „Normalität“ umzusetzen, fallen extrem schwer. Erweisen sich als anstrengend. Zumal seine halbwüchsige impulsive „Gothic-Tochter“ Kim (bemerkenswerte Neuentdeckung: HELEN WOIGK) sich mehr in sich verkriecht, und die Mutter seiner Mutter (fein spitzzüngig: CHRISTINE SCHORN) plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Sie ist an Krebs erkrankt und möchte der sowieso schon traumatisierten Kleinfamilie auf keinen Fall zur Last fallen. Begibt sich einfach „auf eine Reise“. Wie sie verkündet. In Wirklichkeit aber geht es in die Klinik. Mit individueller Betreuung. Durch eine lebenslustige Jungpflegerin (aufgeweckt: ROSALIE THOMASS). Mit der sie schon mal gerne ´rumzickt. Drei Generationen in einem „an sich“ tauglichen Familienverbund bekommen mehr als genug „zu tun“, ihre beschädigten Seelen irgendwie zu putzen. Um nicht völlig abzudriften. Was Kraft, Nerven kostet. Und verständlicherweise Schmerzen verursacht. Aber Gott sei Dank NICHT zu einem Thesen- oder Themenfilm „Trauer“ führt. Ganz im (unteraltsamen) Gegenteil. Denn:

Was sich nach trockenem Problemfilm und typisch deutscher „grau-fader“ Filmtrauerarbeit anhört, entpuppt sich als voluminöser starker Ensemblefilm. DER eben nicht herumheulen und platt jammern will und tut, sondern mit feinen selbstironischen Tönen pointierte Lebensanstrengungen in einem interessanten familiären Kleinkosmos klug wie berührend ausbreitet. Davon nahegehend erzählt. Als unterhaltsames gutes Stück vom schwierigen Miteinander, wenn es extrem brennt. In Seele und Kopf. Wenn es gilt, DAS mit dem „Weitermachen“ halbwegs arrangieren zu müssen.

Das Ensemble ist sensibel stark. Und bisweilen saukomisch. Wenn es gilt, täglich „zu fighten“. Gegen den ständig bollernden inneren Schweinehund vom Verstehen, Begreifen, Akzeptieren. Müssen. WOTAN WILKE MÖHRING, der inzwischen 45jährige Detmolder, der ab 28. April 2013 in der ARD auch als neuer norddeutscher „Tatort“-Kommissar (Thorsten Falke) auftreten wird, hat endlich seine ständigen Rabauken-Klischeetypen („Männerherzen“) abgelegt und offenbart verständliche, faszinierende Sprachlosigkeit. D i e darstellerische Sensation aber ist FREDERICK LAU. Der junge Berliner des Jahrgangs 1989, im Fernsehen wie auf der Leinwand schon des Öfteren erstaunlich aufgefallen mit seinen ungeheuer packenden, differenzierten, spannenden Dazwischen-Ausdrucksweisen („Die Welle“), präsentiert hier als robust-charmanter Outlaw und Kim-Freund Alex unterkühlte emotionale Spitzenkost. Vielleicht hat er ja – wie Christoph Waltz – das große Glück, bald einmal auf „seinen Quentin Tarantino“ zu stoßen, denn dieser Bengel besitzt ein wahnsinnig intensives körpersprachliches Spielpotenzial. Das auch „international“ mit Sicherheit auf Interesse und Anerkennung stoßen sollte. Falls es sich (hoffentlich) „ergibt“. Gemeinsam mit der pikobello knochentrockenen „Oma“ CHRISTINE SCHORN ist ER hier das Herz- und Goldstück. Und lässt also auch „den Rand“ toll aufblühen. Schafft, verschafft, viel Reiz und Wirkung. Insgesamt. Wenn am Ende eine „lustige Beerdigung“ ansteht, ist das schwarze Ironiepotenzial schmunzelnd vervollständigt. In der Tat: Siehe Titel. Propaganda zum Probieren. In jedem Alter. Es lohnt sich. Beweist der kesse Film. Von wegen allemal – rhythmisch – tiefheiter. Geht auch (= 4 PÖNIs).

P.S.: Haschkekse sind der lakonische Renner. Gegen die innere Düsternis. Gibt es DIE wirklich? Für das Manchmal-Her-Damit im Leben??? Also her damit.