Dallas Buyers Club Kritik

DALLAS BUYERS CLUB“ von Jean-Marc Vallée (USA 2012; B: Craig Borten, Melisa Wallack; K: Yves Bélanger; M: Marc Bolan; 117 Minuten; Start D: 06.02.2014); in diesen Zeiten ist von den Ami-Stars auch wahrhaft “körperlicher Einsatz” gefragt.

MATTHEW McCONAUGHEY, 42 zur Drehzeit, nahm 23 Kilogramm ab, um für die Rolle des Ron Woodroof –hier fit zu sein; in der kommenden Startwoche (13.02.2014) werden wir über einen nicht wiederzuerkennenden Christian Bale in „American Hustle“ berichten, der für seinen Part –dort rund 25 Kilogramm zunahm. Gewichtige Argumente hier wie dort. Wie auch: „Dallas Buyers Club“ entstand mit einem Mini-Budget von rund 5 Millionen Dollar an nur 25 Drehtagen im Sommer 2012. Doch der Einsatz hat sich gelohnt, für die bevorstehende 86. „Oscar“-Verleihung am 2. März 2014 wurde der Film sechsfach nominiert, darunter für den „Besten Film“, für das „Beste Original-Drehbuch“ sowie Matthew McConaughey als „Bester Schauspieler“. Der seit 1993 vor der Kamera arbeitende Texaner (Debüt: „Dazed and Confused“ von Richard Linklater) hat sich in seinen bislang rund 40 Filmen sowohl als „Beau“-Schönling („Wedding Planer – Verliebt, verlobt, verheiratet“; „Ein Schatz zum Verlieben“; „Surfer Dude“) wie auch charakter- stark in „Die Jury“, „Der Mandant“ und zuletzt kurz (gleich zu Beginn) im Martin Scorsese-Hit „The Wolf of Wall Street“ gezeigt. Den kompletten Wandel vom schauspielerischen Leichtgewicht hin zu einer „darstellerischen Spitzenmarke“ schaffte er als widerlicher Bulle in „Killer Joe“ von William Friedkin (steht auf der Heimkino-Indexliste) wie auch als schmieriger Stripper mit Adonis-Body in „Magic Mike“ von Steven Soderbergh.

Hier kriecht, im besten Sinne „suhlt“ sich Matthew McConaughey hinein in die Macho-Arschlochfigur mit Namen Ron Woodroof. Wir befinden uns im Texas von 1985 und der Hullygully-Typ ist ein Säufer und Hurenbock vor dem Herrn. Als Elektriker und Rodeo-Cowboy kommt er mit Lug und Betrug über die Runden, hält große Spinner-Reden, kümmert sich nur um sich und sein Wohlergehen. Mit der typischen, „breitbeinigen“ Scheiß-doch-auf-die Welt-Mentalität. Ich, ich, ich. Das zählt. Nun aber nicht mehr, denn diesen Schwulenhasser hat es erwischt: Mit der „Schwulenkrankheit“: Diagnose AIDS. Ron ist außer sich, will den Ärzten an den Kragen. Er, AIDS, lächerlich. Von wegen – nur noch höchstens 90 Lebens-Tage. Was soll das? ER ist doch nicht schwul. ER doch nicht. Oh doch. Es hat ihn voll „erwischt“.

Zum ersten Mal in seinem ziemlich exzessiven Ego-Dasein muss sich der ewige Klugscheißer Ron Woodroof um andere Dinge kümmern als ums Saufen, Bescheißen und Ficken. Oder umgekehrt. Dass diese magere Erscheinung und lächerliche Drecksfigur es „mit der Welt“ aufnimmt, um der amtlichen Restlebensvorhersage Paroli zu bieten…, eigentlich kaum denkbar. Doch in der Tat, der ramponierte Ron beschäftigt sich mit diesem „Mist“ in seinem Körper. Recherchiert ernsthaft, stößt auf die in den USA zugelassene Medizin und muss feststellen, dass diese überhaupt nicht hilft. Nur immense Schmerzen verursacht. D i e Pillen, die helfen könnten, gibt es nur „auswärts“. In Mexiko. Doch deren Einfuhr und Verbreitung ist in den USA verboten. Die Pharmaindustrie und deren mächtige Lobbyisten möchten lieber IHREN profitablen „Wirkstoff“ weiterhin allein anbieten und veräußern. Doch Ron lässt sich nicht ins Boxhorn jagen. Findet ein gesetzliches Schlupfloch. Der Schwulenlästerer gründet mit Transvestit Rayon (JARED LETO, auch „Oscar“ nominiert) den „Dallas Buyers Club“. Sozusagen einen gemeinnützigen Verein, über dessen Jahresmitgliedschaft, 400 Dollar, man die „bessere“, aber nicht zugelassene Medizin nunmehr bekommt. Herbeigeschafft aus Mexiko. Für die Club-Mitglieder. „Kostenlos“. Natürlich wollen dies die Pharmahyänen und die Gesundheitsbehörden nicht dulden. Das Duell „Reich“ (= mächtig) gegen „Arm“, aber pfiffig und geschäftstüchtig nimmt seinen Härteverlauf.

Gleich vorweg – keine Heldengeschichte. Vom Saulus zum Paulus. Von wegen. Der frankokanadische Regisseur Jean-Marc Vallée („C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben“, 2005; „Young Victoria“, 2009) setzt und bleibt ständig bei der emotionalen Verunsicherung. Der Egoist, der zum Aktivisten mutiert, na schön. Doch damit wird dieser Ron nicht automatisch auch zum geläuterten Kino-Gutmann. Dieser Ron Woodroof begreift nur, dass er etwas „mehr“ tun muss, um eine Chance auf mehr als nur 90 Restlebenstage zu bekommen. Und diese Chance nutzt er. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Schräg, cool, illegal- legal, aufmüpfig. Mit schweinischer, tüchtiger Energie. Wie im wahren Leben. Denn diesen RON WOODROOF gab es wirklich. 1992 starb er im Alter von 42 Jahren an AIDS. Sieben Jahre später als die ärztliche Prognose es einst voraussagte.

Natürlich die überragenden Schauspieler. Ihre Intensität ist enorm. Der abgemagerte MATTHEW McCONAUGHEY überzeugt in der aufwühlendsten und zugleich mutigsten Rolle seiner bisherigen Laufbahn. Gibt diesem ausgemergelten Ron-Kotzbrocken tiefgenau zwischen Dreckslüstling und aufkommenden Etwas-Humanisten. In einer großartigen ausdrucksstimmigen wie heiklen Balance. Zwischen schäbiger Welt- und spannender Weitsicht. Ein störrischer Überlebenskampf. Mit viel wütender, trauriger Energie. Um „falsche“ Pillen und kapitalistischem Zocken. Als oftmals abstürzender Aktivist in eigener Sache. Mit ständigem Blut- und Dollar-Dollar-Blick. Hinter der Sonnenbrille.

Abstoßend, ergreifend, ambivalent: McConaughey fasziniert. Zieht sämtliche Verführungsregister. Zwischen übelstem, reaktionärem Proll und schäbigem menschlichem Rebellen. Neben ihm überragt der 41jährige JARED LETO („Requiem for a dream“; Sänger und Gitarrist der Gruppe „30 Seconds to Mars“) als Transvestit Rayon. In einer beeindruckend unspektakulären, tragisch-menschlichen, jedweden Stereotyp überzeugend-sensibel wegwischenden Charakterstudie. Beide, McConaughey und Leto, erhielten kürzlich verdientermaßen die „Golden Globe“-Trophäe. Für ihre außerordentlich charismatische Doppel-Performance. Die „Oscar“-Chancen sind enorm.

Was für ein guter Film! (= 4 PÖNIs).