Dame, König, As, Spion Kritik

DAME, KÖNIG, AS, SPION“ von Tomas Alfredson (GB/Fr/D 2010/2011; B: Bridget O’Connor + Peter Straughan; K: Hoyte van Hoytema; M: Alberto Iglesias; 127 Minuten; Start D: 02.02.2012); ein berühmter britischer Roman, adaptiert von einem international erst „ganz kurz“ bekannten schwedischen Regisseur, mit einem namhaften Männer-Ensemble, DAS hat schon was. Und davon SEHR viel. Der Reihe nach: Der am 1. April 1965 im schwedischen Lidingö geborene TOMAS ALFREDSON fiel erstmals mit seinem 4. Kinofilm, dem düsteren Vampir-Movie „So finster die Nacht“, 2008 überregional auf. Wurde auf zahlreichen Festivals „herumgereicht“, bekam einige Preise. Vorher hatte der Regisseur vorwiegend für das einheimische Fernsehen gearbeitet. Sein erster englischsprachiger Film startete im Vorjahr bei den Filmfestspielen von Venedig und zählt jetzt zu den „Oscar“-Anwärterfilmen.

Natürlich: JOHN LE CARRÉ. Inzwischen 80 Jahre alt. Der ehemalige Agent Seiner Majestät. Der ab 1958 für den MI5 arbeitete und 1960 zum Secret Intelligence Service wechselte, dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6. War Botschaftssekretär in Bonn und Konsul in Hamburg. Ist seit 1964 ausschließlich als Schriftsteller tätig. Mit seinem dritten Werk, Der Spion, der aus der Kälte kam“, erreichte er 1964 den Durchbruch. Der gleichnamige Schwarzweiß-Film von 1965, mit Richard Burton, Oskar Werner und Peter van Eyck in den Hauptrollen, tat ein übriges. Um John le Carré endgültig bekannt zu machen. Heute gilt der am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset als David John Moore Cornwell geborene Schriftsteller als DER Agententhriller-Autor des späten 20.Jahrhunderts. Der Kalten Kriegs-Epoche. Dessen Romane – wie „Die Libelle“ (mit Diane Keaton), „Das Russland-Haus“ (mit Sean Connery), „Der Schneider von Panama“ (mit Pierce Brosnan) und „Der ewige Gärtner“ (mit Ralph Fiennes) – immer wieder Grundlage für spannende Filme abgaben. 23 Romane hat John le Carré bislang veröffentlicht, Nr. 24 ist angekündigt. Lt. Presseheft ist er hier, für „seinen Film“, auch als „Ausführender Produzent“ beteiligt.

Der 1974 veröffentlichte 7. le Carré-Roman „Tinker Tailor Soldier Spy“ wurde schon einmal verfilmt. Ende der 1970er Jahre als siebenteilige BBC-Serie für das britische Fernsehen. Also quasi politisch tagesaktuell. Mit einem der besten englischen Schauspieler des 20. Jahrhunderts in der Hauptrolle als Agent George Smiley: Sir ALEC GUINNESS (2.4.1914 – 5.8.2000). Die Reihe lief auch hierzulande im Fernsehen und stieß auf großes Interesse. Alec Guinness war einmal mehr großartig. Als konsequenter Aufklärer. Nun also das Leinwand-Remake. In dem jetzt der britische Ausnahme-Darsteller GARY OLDMAN (53) die Hauptfigur mimt, eben jenen Agenten George Smiley, dessen Lächeln völlig eingefroren scheint. Smiley gehört zum „Circus“, zum „Inneren Kreis“ der britischen Abwehr, zu den fünf Chefs der britischen Geheimdienstes anno 1972. George Smiley ist das genaue Gegenteil eines James Bond. Ist ein genialer Stratege und cleverer Grübler und Denker. Ebenso melancholisch still verzweifelnd an der Untreue seiner Ehefrau wie desillusioniert an der Schlechtigkeit der politischen Welt. Die sich bekanntlich in zwei Großblöcke aufteilt und duelliert, den Westen und den Osten. „Control“ (JOHN HURT) ist der „Circus“-Chef. Weil eine „Aktion“ in Prag neulich schief lief, sein Agent wurde erschossen, muss er seinen Arbeitsplatz räumen. Genauso wie George Smiley. Der in Prag getötete Agent wollte einen Informanten treffen, der ihm den Namen eines Verräters in den eigenen Reihen nennen sollte. Doch George Smiley wird „von höchster (Minister-)Stelle“„heimlich“ zurückgeholt. Soll inoffiziell und in aller Stille ermitteln, wer von den „Circus“-Kollegen denn nun „der Maulwurf“ ist. Der dem sowjetischen Kontrahenten, „Karla“, ständig „heiße Interna“ ausplaudert. Übermittelt. George Smiley macht sich ans geheime Werk.

Die Kino-Klima-Warnung: Wer hier einen heißblütigen, temperamentvollen, gar actionreichen modernen Unterhaltungskrimi erwartet, hat schlechte Karten. Regisseur Tomas Alfredson setzt „die 70er“ in atmosphärische Langsam-Bewegung um. Motto: Mühevolle Handarbeit ist noch angesagt. Akten werden angelegt und abgelegt. Die Büros besitzen den Charme von Abstellkammern, der dortige Staub ist förmlich zu riechen. Zu schmecken. Von wegen aufregendes Agentendasein. Die in die Jahre gekommenen Ober-Gurus treten hier wie graue Finanzbeamte auf. Verstecken sich hinter dicken Hornbrillen wie George Smiley, tragen farblose Nadelstreifen-Anzüge, laufen mit abgegriffenen Aktentaschen herum oder starren missmutig in die Gegend. Sind permanent „wütend“ drauf, beharken sich spöttisch, hochnäsig, aggressiv. Eine explosive „Ruhe“-Stimmung. Entscheidend sind die Gesten, Blicke, Sekundenbewegungen. Man belauert sich wie Gegner. Dabei arbeiten doch alle für denselben „Verein“. Doch einer eben nicht nur. Aber wer ist der Überläufer?

Man muss höllisch aufpassen. Im personellen Figurenkarussell, in den Andeutungen, Querverweisen, den Verdächtigungen. In den undurchsichtigen Heute-Gestern-Fährten. Beim Behörden-Alltag. Dies ist eine komplexe wie hypnotische Welt von Bürokratie, Karteibergen und totalem Misstrauen. A-soziale Betriebstemperaturen. Jeder quasi gegen jeden. Kumpaneien existieren nicht. Jedenfalls sicht- und fühlbar nicht. Apropos: Bei „Dame, König, As, Spion“ sind die Emotionen völlig eingefroren. Dermaßen unterkühlt, „grau“, stumm war wohl noch nie ein „gehobener“ Spionagethriller. Und dabei dermaßen atmosphärisch spannend. In der Charakter-Genauigkeit wie in der köstlichen, ironisch gefärbten Beschreibung der „lächerlichen“ Siebziger. Mit diesen posen- wie possenhaften Kriegs-„Spielchen“ um Überzeugungen und Macht. Haben und Behalten. Also „Sieger“ sein wollen. Wie dieses „Milieu“ beschrieben, dieser ganz eigene Geheimkosmos kompliziert wie verschachtelt-schlau beobachtet und behutsam, mit vielen Alt- und Neufäden, ausgebreitet wird, ist feinste Spannungsdelikatesse. Bewährt sich als exzellenter Kopf-Krimi. In dem das Immer-Unbehagen förmlich zum Greifen nah wirkt. Aus den angespannten, „empörten“ Gesichtern spricht. Allerdings auch mächtig verwirrt. Die Zusammenhänge völlig zu entpuzzeln, fällt schwer. Ist vielleicht sogar unmöglich. Man muss sich einfach einlassen. Aufmerksam beobachten. Diese eigene düstere Krimi-Welt SO annehmen. Wie sie bedächtig „fiebert“. Ohne sie in Gänze zu verstehen. Zu begreifen. Endgültig entschlüsseln zu können.

Also – vom Glamour „des Geheimen“ keine Spur(en). Stattdessen diese psychologischen „Aktionen“. Das Bewegen der Hände, die Unruhe der Augen, diese beängstigende Ruhe. „Control“ JOHN HURT, faszinierend, inzwischen aktive 70, hat im Interview mit der Autorin Rebecca Casati die Qualität parat: „Tomas Alfredson hat verstanden, dass beim Film Bilder, nicht die Sprache zählen. … Im Kino geht es nicht um Dialoge, das Bild ist die Sprache, die Substanz, die wir herstellen können“ („Süddeutsche Zeitung“/28.-29.1.2012). Deshalb war es seiner Ansicht nach auch höchste Zeit für „solch einen Film“: „Heute werden vor allem Babyfilme gemacht. Von geldgierigen Menschen für Menschen ohne Verstand“.
DER Star aber ist GARY OLDMAN, früher gerne als „Psycho“ eingesetzt: Mit dem „Sex-Pistols“-Bassisten Sid Vicious in „Sid & Nancy“ fing alles 1986 an; 1991 spielte er Lee Harvey Oswald in Oliver Stones „JFK – Tatort Dallas“-Film; bei den Harry Potter-Abenteuern war er bekanntlich der Sirius Black. HIER darf sich hier kaum bewegen, wenig sprechen und ist doch in und mit seiner raffinierten Körpersprache hellwach. Hinter seiner dicken Hornbrille verbergen sich ein furioser analytischer Verstand wie eine geniale Kombinationsgabe. Sowie resignierende Gefühle, quasi im ewigen Dämmerzustand. Über dieses im Grunde „trübe“ Leben und das „misslungene“ Ehe-Dasein. Also „widmet“ er sich voll und ganz diesem „armseligen, aber wichtigen“ Beruf. DAS tönt aus dem wortkargen Gary Oldman-George Smiley-Face andeutungsweise heraus. Eine Meisterleistung von Profil und Charakter; die „Oscar“-Nominierung für ihn kam soeben völlig berechtigt. Der Regisseur begeistert: „Oldman hat so viel Erfahrung und weiß, dass er Gefühle ausdrücken kann, selbst wenn man nur seinen Nacken sieht“ (aus „Filmecho/Filmwoche“ 3/2012).
Ein weiterer prominente Mitstreiter und rätselhafter Stichwortgeber ist hier auch der vorjährige „Oscar“-Triumphator COLIN FIRTH („The King’s Speech“); das soll nicht unerwähnt bleiben wie die Annonce: „Dame, König, As, Spion – Der Film“ ist eine erstklassige Ensemble-Leistung zu attestieren.

John le Carré setzt in einem DPA-Interview (aus Venedig, vom 13.10.2011) die Schlusspointe auf die Frage, was denn George Smiley HEUTE wohl sagen würde:
„Nun, zuallererst wäre George Smiley jetzt verdammt tot… Ansonsten würde er sagen: Wir haben den Kommunismus besiegt, jetzt müssen wir uns den Kapitalismus vornehmen“. Einverstanden (= 4 PÖNIs).