Dark Shadows Kritik

DARK SHADOWS“ von Tim Burton (USA 2011; B: Seth Grahame-Smith, John August; 113 Minuten; Start D: 10.05.2012); wenn dieser am 25. August 1958 in Burbank/Kalifornien geborene Timothy Walter „Tim“ Burton zu einer neuen Produktion bittet, dann bedeutet dies auch die Einladung zu einem neuen Familientreffen. Wie auch hier, wo sich für das mit 105 Millionen Dollar budgetierte, ausschließlich in England (Pinewood Studios) gedrehte Werk wieder viele Tim Burton-Stammgäste einfanden wie: Produktions-Designer und „Oscar“-Preisträger RICK HEINRICHS („Sleepy Hollow“), die dreifache „Oscar“-Preisträgerin = Kostüm-Designerin COLLEEN ATWOOD („Die Geisha“, „Chicago“; „Alice im Wunderland“), Mit-Produzent und Cutter CHRIS LEBENZON sowie der Tim Burton Haus- und Hofkomponist DANNY ELFMAN, einer der besten der Soundtrack-Branche. Sowie natürlich seine Lieblingsakteure HELENA BONHAM CARTER, zugleich (seit 2001) seine Lebensgefährtin und Mutter seiner zwei Kinder, sowie natürlich der inzwischen 48jährige Superstar-Freund JOHNNY DEPP, der Patenonkel seiner Kinder. Nach „Edward mit den Scherenhänden“, „Ed Wood“, „Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“, „Sweeney Todd“ und dem Multi-Erfolg „Alice im Wunderland“ bedeutet „Dark Shadows“ die nunmehr 8. Zusammenarbeit zwischen dem faszinierenden Meister-Visagisten Tim Burton und dem „extravaganten“ „Piraten“-Darling aus den „Fluch der Karibik“-Hits.

In seinem 15. abendfüllenden Spielfilm (seit „Pee-Wee’s irre Abenteuer“/1985) begibt sich der eigenwillige Genre-Konstrukteur Tim Burton auf die Spuren der gleichnamigen amerikanischen TV-Serie, einer „Gothic Soap Opera“ aus den 1960er Jahren, die hierzulande wenig bekannt ist: Von 1966 bis 1971 entstanden insgesamt 1225 Episoden sowie zwei Spielfilme („Das Schloß der Vampire“ + „Das Schloß der verlorenen Seelen“). – In den USA übrigens wurde soeben (am 8.5.2012) eine DVD-Sarg-Box mit 131 DVDs herausgebracht, die sämtliche 1225 Folgen der Reihe enthält. – Damals- wie Heute-Thema: Eine „merkwürdige“ Familie. Mit übernatürlichen Fähigkeiten. Die Collins-Family. Anno 1750 erreichen Joshua und Naomi Collins mit ihrem kleinen Sohn Barnabas Amerika. Die aus England stammende Familie lässt sich an der Küste von Maine nieder und baut hier ein Fischerei-Imperium sowie eine eigene kleine Stadt auf: Collinsport. Während Barnabas Collins zu einem „prächtigen Burschen“ heranwächst. Bedauerlicherweise bricht der Frauenheld nicht nur einer schönen sanften Maid namens Josette das Herz, sondern lässt sich auch mit der verführerischen Angelique ein. DIE ist im wahrsten Sinne eine Hexe, verwandelt den „lebensfrohen“ Barnabas eifersüchtig in einen Vampir, um ihn dann lebendig begraben zu lassen. Feierabend. Für lange.

Visuell schlägt dieser Anfang sofort in den Bann (Kamera: BRUNO DELBONNEL). Ein optischer Augenschmaus. Voller sinnlicher wie atmosphärischer Augenzwinker-Suspense. Man ist sogleich „drin“ in der Show. Amüsant angemacht. Angegackert. Schnitt. 200 Jahre später. 1972. Der Langschläfer Barnabas wird „entdeckt“. Bei Bauarbeiten. Darf endlich heraus aus seiner Gruft. Futtert sich erst einmal (an den Bauarbeitern) richtig satt und begibt sich dann umgehend Richtung „Zuhause“. Ins Schloss Collinwood Manor. Wo ihn aber weder ein feudales Anwesen noch Reichtum und Glanz erwartet, ganz im Gegenteil: Das Gebäude entpuppt sich als zerfallende Ruine, und die Nachfahren der Collins-Familie entpuppen sich allesamt als „exotische Gestalten“. Sozusagen: Verkommender Mittelstand. Matriarchin Elizabeth Collins Stoddard (MICHELLE PFEIFFER) aber heißt den Neuankömmling aus vergangenen Zeiten willkommen. Der sich natürlich zunächst in und mit diesen Swinging Seventies schwer tut. Wie auch mit diesem „eigenartigen Verhalten“ seiner naiven wie blutvollen (Hippie-)Leibspeisen draußen (innerfamiliär wird natürlich niemand angerührt), aber auch „missverständlich“ auf diese „angesagte Musik“ von T-Rex, The Carpenters, Black Sabbath oder Barry White reagiert. Und von „Miss“ Alice Cooper. Der Schock-Rocker vermeldet aber dann sogar einen höchstpersönlichen Leder-Auftritt. Ein erstaunliches Kuddelmuddel ist das für einen „anständigen“ Vampir, für den es aber nun ernst(er) wird: Denn die scharfe fiese Blondinen-Hexe Angelique, nun Angie, ist ebenso wieder mit von der emotionalen Blut-Party wie das liebliche Fräulein Victoria (BELLA HEATHCOTE), das der einstigen geliebten Josette verdammt ähnlich ausschaut. Das alte Duell. Um Macht, Gier und Gefühle. Oder umgekehrt. Barnabas alleine hätte auch jetzt wieder keine Chance gegen seine diabolische Liebes-Gegnerin, aber da ist ja nun seine neue aktive Familie. Und die ist mittenmal auch mit „interessanten Fähigkeiten“ ausgestattet.

Verblüffend. Witzig. Originell. Stimmungsvoll. Pointiert. „Dark Shadows“ ist ein unterhaltsamer Leckerbissen. Als Vampir-Performance. Mit vielen Genre-Sprüngen: Horror, Komödie, Comedy. Melodrama. Ironische Tupfer hier, blutige Spritzer dort. Ironisch serviert. Mit köstlichem Ernst. Mit der unverkennbaren ironischen Handschrift des kreativen Spielleiters Tim Burton. Der „seine Marionetten“ prima aufplustert. Zwischen skurril, intensiv und magisch agieren lässt. Ein herrliches Hokuspokus-Vergnügen. Mit imposantem Personal: JOHNNY DEPP hat immens abgenommen und spukt – in extremer Fein-Maske und bisweilen an den kauzigen Schokoladen-Fabrikanten Willy Wonka in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ erinnernd – als menschelnder Vampir-Exot naiv-listig-lässig durch die dekorative Szenerie. HELENA BONHAM CARTER als rothaarige, trinkfeste Psychologin mit viel Eigen-Macke ist „nebenbei“ eine pralle Exotin-Pracht. MICHELLE PFEIFFER, inzwischen wunderschöne 53, lenkt souverän ihre „unnatürliche“ Sippe. CHLOE MORETZ, das jetzt 14jährige Hit-Girl aus der Superhelden-Satire „Kick-Ass“ (2010), sorgt als verkorkste Teenie-Schlampe für reichlich Werwolf-Charme. Schließlich aber EVA GREEN, die 31jährige Französin. Als 007-Liebschaft in dem ersten Daniel Craig-Bond-Film „Casino Royale“ 2006 bekannt geworden. Die Tochter einer meiner französischen Lieblingsschauspielerinnen „von früher“, von Marléne Jobert (unvergesslich in „Der aus dem Regen kam“, mit Charles Bronson/1969), ist hier eine wunderbare Drecks-Blondine. Mit viel schön-üblem Qualitäts-Appeal. Wie SIE hier lange Zeit dominiert, dirigiert, taktiert, als Schuftin vom Dienst attraktiv verführerisch-pöbelt, ist eine Wonne-Wucht. Eklig-prima. Und absolut 1:1 gegenüber dem Star-Kollegen Johnny-Barnabas. In Auftreten und Dagegenhalten. Was für eine neue Blondinen-Wuchtbrumme auf der Leinwand!

„Dark Shadows“ ist einmal mehr „lieblicher“, also schrill-schräger Tim Burton-Charme als vergnügliche Pop-Kunst. Mit dem GUG-Siegel = Gute Unterhaltungs-Garantie (= 4 PÖNIs).