Da geht noch was Kinokritik

DA GEHT NOCH WAS“ von Holger Haase (D 2012; B: Jens-Frederick Otto, in einer Bearbeitung von Florian David Fitz; K: Gerhard Schirlo; 101 Minuten; Start D: 12.09.2013); darf man durchaus wörtlich nehmen – da geht, manchmal, noch beziehungsweise doch was im deutschen Film. Ohne den „Hardcore-Sozialrealismus“ der „Berliner Schule“ („KulturSPIEGEL“ Nr.9/13) , ohne eindimensionale Figuren, die sich von der ersten Sekunde und dann immer „so“ benehmen (dämlich, schlau, komisch). Sondern mit lebhaften Protagonisten, die sich gedanklich wie räumlich ständig bewegen. UND zu ändern verstehen. “Da geht noch was“ handelt in allererster Linie von möglichen Veränderungen. Zu jedweder Lebenszeit. Du kannst dich an jedem Tag wandeln. Dinge, Emotionen anders bewerten. Deine Ziele neu ausloten. Deinen Partnern, deinem Umfeld, „neu“ begegnen. Verdammt nochmal, warum denn nicht? Zeigt, sagt, also behauptet diese kleine feine deutsche Filmüberraschung.

Am Beispiel der Familie Schuster. Vater Carl (HENRY HÜBCHEN), der ehemalige Gewerkschaftsboss, ist Innbegriff von einem Ekel. Immer schon und im Ruhestand noch mehr. Ehefrau Helene (LESLIE MALTON) hat endlich die Konsequenzen gezogen und ist abgehauen. Sohn Conrad (FLORIAN DAVID FITZ) möchte eigentlich mit Ehefrau Tamara (THEKLA REUTEN) und Sohn Jonas in Urlaub an die Strände von Goa fliegen. Doch dann flippt der grantige Carl mal wieder dazwischen. Der inzwischen ziemlich verwahrloste und in Selbstmitleid trunkene Patriarch hat sich bei einem unfreiwilligen Sprung in den leeren Pool verletzt. Tamara fliegt erst mal alleine ab, während Conrad mit Jonas beim Alten Sanitätsdienste leistet. Was Senior auch gerne auskostet. Drei „skeptische“ Generationen unter einem Dach. Bis hierher durchaus nicht unbekannt. Doch dann nimmt der Film, siehe Titel, Fahrt auf. Gibt sich keineswegs „genüsslich“, sondern stänkert proper wie reizvoll herum. „Nagt“ an den eingefahrenen Situationen seiner Figuren, stellt sie in veränderte Positionen zweifelnd wie couragiert neu auf. Lässt den Innenblick auf viel zu umfangreich bemühte, verlorene wie verlogene Lebenszeit zu. Dabei wird aus dem Bad-Opa Carl keineswegs der neue, gute Titan. Ganz im Gegenteil. „Rückschläge“, als Tiefschläge gegenüber den Nächsten, sind bei ihm nie ganz auszuschließen. Und auch die Anderen müssen einiges an „schwarzen Späßen“ einstecken, bevor man sich in Richtung Verbund von uns verabschiedet.

Ein kleiner menschen- spannender deutscher Film, der mehr konsequent als lieblich ist. Und deshalb reizt. Auch und vor allem, weil das Ensemble insgesamt pointiert gepolt ist. Allen voran der wunderbare „Kotzbrocken“ HENRY HÜBCHEN, der ehemalige DDR-Meister im „Brettsegeln“, heute 66, der einmal mehr charmant- biestig unterstreicht, was für eine phantastische Ausstrahlung und welch tollen Präsenz-Charme er bei aller Rollen-Cholerik hier besitzt. Ruppig ausstrahlt. (Und dessen Glanzauftritt als versoffener Otto Kuhlberg-Filmstar in der 2009er Spitzenkomödie „Whisky mit Wodka“ von Andreas Dresen/Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase /s. Kino-KRITIK/ UNBEDINGT der Endlich-Entdeckung bedarf). Was für ein darstellerisches Juwel!

Die Tragikomödie „Da geht noch was“ von Debütant Holger Haase, ein 75er Jahrgang, aus Hamm stammend, gibt sich unhektisch die Bauch- und Kopfkante. Vermag mit einer famosen wie imposanten Emotions- und Seelenmenge gut zu unterhalten (= 3 ½ PÖNIs).