Cold Blood

Hollywood sucht Regie-Talente. Weltweit. Das ist bekannt. Auch aus dem deutschsprachigen Gebiet. Wenn sie sich einen Namen gemacht und somit als „würdig“ für eine Talentprobe erwiesen haben. Nach beispielsweise Robert Schwentke („Flightplan – Ohne jede Spur“/mit Jodie Foster), „Der Untergang“-Macher Oliver Hirschbiegel („Invasion“/mit Nicole Kidman) und „Oscar“-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“), der mit Angelina Jolie und Johnny Depp „The Tourist“ schuf, heißt der neueste Anwärter STEFAN RUZOWITZKY. 2008 bekam der am 25. Dezember 1961 in Wien geborene Regisseur und Drehbuch-Autor für seinen (auf der Berlinale von 2007 vorgestellten) Film „DIE FÄLSCHER“ den Auslands-„Oscar“. Mit einem Budget von 6 Millionen Dollar schuf der Max Ophüls-Preisträger von 1996 (für sein Debüt „Tempo“) den Thriller „Deadfall“, der jetzt hierzulande gleich im Heimkino – mit neuem Englisch-Titel – Premiere hatte:

COLD BLOOD“ von Stefan Ruzowitzky (USA 2011; B: Zach Dean; K: Shane Hurlburt; M: Marco Beltrami, Buck Sanders; 94 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 02.05.2013).

Der erste und der gleichlautende letzte Satz bietet das thematische Signal: „Wie ich mir mein Zuhause vorstelle…“. „Cold Blood“ stellt falsche Glückssucher, Getriebene, gesellschaftliche Loser, menschliche Wracks in der Mittelpunkt des passablen Geschehens. Auf der eigentlichen Suche nach FAMILIE. Nach familiärer Geborgenheit. Familiärer Liebe. Familiären Schutz. Die Geschwister Addison (ERIC BANA) und Liza (OLIVIA WILDE) haben ein illegales Casino überfallen. Auf der Flucht zur kanadischen Grenze verunglücken sie mit dem Wagen im Eisschnee. Kommen heil ‚raus, Addison erschießt einen auftauchenden Polizisten, danach trennen sie sich. Weil SIE nicht im Fokus der Ermittlungen stehen wird, war sie schließlich doch bei dem Überfall „nur“ Lockvogel. Liza trifft auf Jay (CHARLIE HUNNAM). Einen Ex-Boxer, der im Gefängnis war und danach schon wieder „Mist“ gebaut hat. Der verunsicherte Jay befindet sich auf dem Weg zu seinen Eltern June (SISSY SPACEK) und dem pensionierten Sheriff Chet (KRIS KRISTOFFERSON). In der Hoffnung, dort Aufnahme und Aussöhnung mit seinem Vater zu finden.

Drei Schicksale, drei komplizierte und auch blutige Wegstrecken. Mit (zu) vielen logischen Aussetzern, aber mit optisch ansprechenden atmosphärischen Motiven. Aber auch mit einigem moralinsauren Erklärungen und Sätzen („Kinder müssen beschützt werden“ / „Ich wünschte, ich wäre jemand Anderes“), bei viel Spannung um Fortgang und Lösungsneugier. Schuldige Figuren mit Läuterungshäppchen. Niemand ist wirklich ganz schlecht. Alle haben ziemlich viel kriminellen Dreck am Stecken und laden weiterhin erhebliche Schuld auf sich. Dabei ein weiteres Drehbuch-Motiv: Sämtliche Väter hier, auch bei der Polizei (TREAT WILLIAMS), verhalten sich aggressiv und ziemlich dumm gegenüber ihren Kindern. Bevormunden diese zu oft und gerne. Im (dürftigen) Pressepapier heißt es lapidar: Dies sei ein Film mit Anspruch, Spannung und Action.

Anspruch ist Quatsch. Dafür ist er zu klein, sprich simpel. In der Mitte wird der Film quasi angehalten, damit sich die Hauptbeteiligten psychologisch erklären, also „zerlegen“ dürfen. Öde. Sozusagen „deutsch psychohaft“. Mit Trocken-Charakteren. In Sachen Spannung und Action aber kommt der Reißer dagegen ordentlich in Fahrt. Bietet ein packendes Westernart-Szenarium. Ohne Pferde, dafür mit Schneemobilen. In humorloser Eiseskälte. Während das meistens schmuck geschminkte Liza-Mädel von Olivia Wilde („Cowboys & Aliens“) wieder mal mehr nuttig („Ficke mich“) denn „ambitioniert“ umher stakst. Und für „heiße“, also übliche Bett-Akrobatik Marke 08/15-Standard mit Lover Jay zu sorgen hat. Als reine überflüssige unerotische Füll-Szenen.

Natürlich treffen sich schließlich ALLE im Haus von June und Chet. Was insoweit erfreulich ist, endlich einmal länger die bezaubernde Sissy Spacek („Carrie“) und den klasse gesichtspräsenten Kris Kristofferson („Convoy“) zu erleben. Während ERIC BANA („München“) den gespaltenen Grobian süffisant-gespalten mimt. Eine hervorragende schmutzige Führungsfigur hier abgibt. Währenddessen nun eine perfide Belauerungsarie beginnt. Abläuft. Die ziemlich gut zu reizen versteht. Motto: Wann macht wer als Erster „ernst“. Und wie.

Kein dolles, aber insgesamt ein durchaus akzeptables“ Hollywood-Debüt des Österreichers Stefan Ruzowitzky. Als kantige handwerkliche B-Movie-Probe. Mit „bemühten“ Akteuren. Beziehungsweise faszinierenden Veteranen als Stichwortgeber (Sissy Spacek, Kris Kristofferson, Treat Williams). Eine alles in allem sehenswerte Genre-Talentprobe mit ordentlichem Unterhaltungswert.

Anbieter: „Studiocanal“