Coco Chanel Kritik

COCO CHANEL – Der Beginn einer Leidenschaft“ von Anne Fontaine (Co-B+R; Fr 2008; 110 Minuten; Start D: 13.08.2009); die Drehbuch-Autorin und Regisseurin, Jahrgang ´59, fing als Schauspielerin an und arbeitet seit 1992 vor allem hinter der Kamera. Ihre Filme „Eine saubere Affäre“ von 1997 (Preis für das „Beste Drehbuch“ beim Venedig-Festival), „Nathalie – wen liebst du heute Nacht“ (2003) und kürzlich „Das Mädchen aus Monaco“ (2007) liefen auch bei uns. Hier nun hat sie sich einer großen wie packenden Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts zugewandt: Gabrielle Bonheur Chasnel, genannt COCO CHANEL (19.8.1883 – 10.1.1971).

Ein armseliger Pferdekarren rumpelt über die Chaussee. Hält vor einem Kloster in den französischen Cevennen. Albert Chanel, ein Hausierer, liefert hier seine kleine Tochter ab. Blickt nicht mal mehr zurück, als er weiterfährt. Ein kleines Mädchen, das irgendwo im tiefsten Frankreich fortan in einem katholischen Waisenhaus lebt und jeden Sonntag ebenso sehnsüchtig wie vergeblich darauf wartet, vom Vater abgeholt zu werden. Mit diesem grauen Abschied im Jahr 1895 endet die Kindheit von Gabrielle, deren Mutter kurz zuvor gestorben ist. Das Lebensgefühl des Verlassenseins, der Einsamkeit und auch des traurigen Andersseins wird sie fortan ein Leben lang in sich tragen. Gabrielle lernt Näherin. Mit 20 sehen wir sie, wie sie in einem Varieté, zusammen mit ihrer Schwester Adrienne, vor „angeheitertem“ Soldatenpublikum als Sängerin auftritt. Und die Chansons „Qui qu´a vu Coco?“ und „Ko-Ko-Ri-Ko“ vorträgt. Der Spitzname COCO entsteht.

Wir sehen sie im Hinterzimmer einer kleinen Schneiderei in der Provinz und spüren ihre Fremdheit. Und ab und an entwirft sie auch schon mal einen Hut für die exaltierte Schauspielerin Emilienne, die sie bei ihrem Gönner und Verehrer, Etienne Balsan, kennengelernt hat. Als sie es in der Provinz nicht mehr aushält, flieht sie zu Balsan, einem reichen Pferdezüchter, auf dessen Schloß in der Nähe von Paris. Wird dort zu einer Art „geduldeten Kurtisane“. Unter zahlreichen Kokotten und Lebemännern. In einer Zeit, wo ausschließlich Männer bestimmen, wie es gesellschaftlich und zwischenmenschlich „langgeht“, fängt die eigenwillige Coco an, sich beharrlich zu emanzipieren. Entwickelt sich zu einer störrischen, selbstbewußten Persönlichkeit, die immer mehr „ihre Fähigkeiten“ verfeinert. Als Hut-Designerin. Und als moderne Mode-Frau. Indem sie die Frauen aus ihren eng geschnittenen, dick ausstaffierten „Operetten“-Kleidern befreit. Weg mit den aufgedonnerten Rüschen-Röcken. Der Trotzkopf mit den Kohleaugen wird mit ihrer jungen, leichten, lockeren Mode „zur Marke“. Zur Gewinnerin. Weg mit dem Korsett, hinein in kürzere, luftige Röcke, körperbetonte Stoffe, mit den bevorzugten Farben Schwarz, Weiß, Beige. Das „kleine Schwarze“, d a s klassische Chanel-Kostüm, ist geboren.

Privat allerdings erleidet sie Rückschläge und „Verlust“. Ihre große Liebe, der britische „Geschäftemacher“ Arthur („Boy“) Capel, verunglückt 1922 tödlich bei einem Autounfall. Coco wird zu einer Art Rebellin, die über die starren Konventionen ihrer Zeit angeekelt ist und die Kleidung ihrer Liebhaber trägt. Am Filmende sitzt sie stolz und leicht verlegen lächelnd auf der berühmten Spiegeltreppe ihrer Boutique, während Mannequins in „ihren Kleidern“ flanieren. Die ersten 30 Lebensjahre einer „gewieften“, aber auch extrem melancholischen „besonderen“ Französin. Die der Dramatiker George Bernard Shaw später einmal als „wichtigste Frau des Jahrhunderts“ neben Madame Curie bezeichnen wird.

Ein faszinierendes Jung-Porträt. Dank einer überragenden Interpretin: AUDREY TAUTOU. Die demnächst 33 Jahre jung werdende Schauspielerin hat sich mit ihrem Auftritt als Amelie in „Die fabelhafte Welt der Amelie“ (2001) „zum Klassiker“ gemacht und war auch in „Mathilde – Eine große Liebe“ (2004), „The Da Vinci Code – Sakrileg“ (2006) und „Zusammen ist man weniger allein“ (2007) exzellent-beeindruckend. Hier nun lebt, liebt, atmet, verkörpert sie mit jeder Pore und Pose diese außergewöhnliche, unnahbare, verletzliche, zärtliche, kesse, dynamische junge Persönlichkeit. Man kommt DADURCH Coco Chanel sehr nahe, und wirkt ist sehr berührend, sehr reizvoll, ist sehr unterhaltsam. Audrey Tautou ist eine würdige, würdevolle, faszinierende Interpretin. Eine formidable 3 Lebensjahrzehnte-Biographie; ebenso niveauvoll wie flirrend-stimmungsvoll wie schön. Mit übrigens einem ebenfalls großartigen Kollegen-Partner BENOIT POELVOORDE als „Förderer“ Etienne Balsan; der 55jährige Belgier („Mann beißt Hund“) zeigt sich als prächtig mitspielender Liebhaber-„Sponsor“, der erst sehr spät die außergewöhnlichen Qualitäten seines „Schützlings“ bemerkt

(= 4 PÖNIs).

P.S.: Für filmische Coco-Statistiker: Es gab bereits 1981 den kanadischen Film „Einzigartige Chanel“ (mit Marie-France Pisier); aus dem Jahr 1986 stammt der 61minütige Dokumentarfilm „Chanel“ von Eila Hershon und Robert Guerra (ist hierzulande auf DVD erschienen), und im letzten Dezember zeigte das französische Fernsehen einen Zweiteiler über Chanels Leben vom Waisenhaus bis zu ihrem Tod; mit Barbora Bobulova und Shirley MacLaine in den Chanel-Rollen. Und voraussichtlich noch in diesem Jahr wird auch der neue Film „Coco Chanel & Igor Stravisnky von Jan Kounen, mit Anna Mouglais und Mads Mikkelsen in den Titelrollen, in die Kinos kommen. COCO CHANEL bleibt also ein filmisches Dauerthema in diesem Jahr. Wie schön.