Cinderella Kritik

Link für Pöni TVCINDERELLA“ von Kenneth Branagh (USA 2013/2014; B: Chris Weitz, nach „Cendrllon oder der kleine gläserne Pantoffel“ von Charles Perrault/1697; K: Haris Zambarloukos; Kostüme: SANDY POWELL; M: Patrick Doyle; 105 Minuten; Start D: 12.03.2015); ich hatte mir – ironisch – fest vorgenommen, diese neuerliche Märchen-Adaption nicht zu mögen. Was soll denn DIE heutzutage? Bringen? Ist doch alles bekannt? Und vielmals durchgekaut? Sowohl literarisch wie filmisch? Gerade auch durch die „CINDERELLA“-„Platinum DVD-Edition“ von 2005 sowie zuletzt durch die „Diamond Blu-ray-Edition“ von 2012 ist das Thema doch ausführlich wie endgültig gegessen. Oder?

Denkste: Als die diesjährige Berlinale ihn als filmischen Gast im Wettbewerb (außerhalb der Konkurrenz) präsentierte, leuchtete erneut der phantastische Film-Zauber. Dieser bekannten Geschichte. Und kamen Erinnerungen an die 1. Internationalen Filmfestspiele von Berlin von 1951 auf, wo damals der 12. abendfüllende Zeichentrickfilm aus dem Hause von Walt Disney den Hauptpreis, den „Goldenen Berliner Bären“, in der Kategorie „Musikfilm“ zugesprochen bekam. Sowie zugleich auch den „Publikumspreis“.

Diese „Cinderella“-Adaption damals basierte NICHT auf der berühmten „Aschenputtel“-Story der Brüder Grimm aus dem Jahr 1812 (oder der erweiterten von 1819, wo schließlich zwei Tauben den bösen Stiefschwestern die Augen auspicken), sondern auf dem Märchen „Cendrillon ou la Petite Pantoufle der verre“ („Cendrillon oder der kleine gläserne Pantoffel“) aus der 1697 veröffentlichten Sammlung des französischen Märchen-Dichters Charles Perrault. Wobei die Figur der Cendrillon oder Aschenputtel oder auch Aschenbrödel (= so genannt im „Deutschen Märchenbuch“ von Ludwig Bechstein 1845) in weiten Zügen dieselbe ist, nur – im französischen Original – verliert die Heldin keinen goldenen Schuh, sondern einen Schuh aus Glas. Zudem: Perraults Fassung mit den in Apfelschimmel verwandelten Mäusen und dem Kürbis, der mit Hilfe der Fee zu einer prächtigen Kutsche mutiert, prägte maßgeblich den Disney-Zeichentrickfilm von 1950.

Wie nun auch diese neue Version, inszeniert vom britischen Shakespeare-Experten KENNETH BRANAGH (von „Henry V.“/1989 über „Viel Lärm um nichts“ – köstlich: 1993 – bis zu „Hamlet“/1996) und seit 2008 auch „Kommissar Wallander“-Darsteller in der gleichnamigen TV-Reihe. Der bislang fünffach „Oscar“-nominierte 54jährige, der den Rekord hält für die meisten „Oscar“-Nominierungen in verschiedenen Kategorien (für: Hauptdarsteller; Nebendarsteller, Drehbuch-Autor, Regisseur sowie Kurzfilm), zieht ab dem Mittelteil gleich mit dem Ursprungsszenario: Die gute Fee (hinreißend selbstironisch: HELENA BONHAM CARTER), die komische Verwandlung von niedlichen Mäusen in Schimmel und so weiter bekannt.

Eine halbe Stunde das ganz, ganz große Zuschauen beim festlichen Hofball: üppig, pop-bunt, ein Farbenrausch, mit herrlichsten Kostümen, als perfekte bewegungsreiche Choreographie. Überzeugendes Stimmungskino als opulentes Fein-Futter für die Augen. Als formidable Betörung für die Sinne. Die dreifache „Oscar“-prämierte Kostümbildnerin SANDY POWELL („Shakespeare in Love“; „Aviator“; „Young Victoria“) präsentiert einen mitreißend-großzügig-bestaunenswerten Stoff-Charme. Eine Augenweide in Dur. Den triumphalen Pracht-Kulissen des ebenfalls dreifachen „Oscar“-Preisträgers und meisterlichen Szenenbildners DANTE FERRETTI („“Aviator“; „Sweeny Todd“ und „Hugo“) delikatessen-optisch folgend.

Dazu die edlen klassischen Märchen-Figuren, von Kenneth Branagh mit glaubhafter Sensibilität hübsch-lakonisch angeschoben: Cinderella (LILY JAMES; bekannt als Rose MacClare aus der TV-Serie „Downtown Abbey“, ist schlicht lieb-nett) in dem ehrlichen Bemühen, die moralischen Vorlagen der Mutter zu befolgen („Sei mutig und freundlich“) und das tägliche Mobbing auszuhalten; der gutmütige Vater, der sich einmal mehr (aber weiterhin: unbegreiflicherweise) mit der „falschen“ neuen Frau vermählt, sehr zum Schaden seiner geliebten Tochter. Ein Prinz, der sich von den traditionellen Regeln sanft, aber bestimmt zu befreien gedenkt; ein königlicher Vater (Shakespeare-Ikone und einst „Kapitän“ der „Titanic“: DEREK JACOBI) mit Klugheitssiegel. Die originellen unterschiedlichen Hof-Schranzen (darunter STELLAN SKARSGARD als korrupter Intrigant). Diese ganze feine emotionale Sippe, angeführt von einem außerordentlich ausdruckstollen, imposanten weiblichen Schurken-Star: „Oscar“-Lady CATE BLANCHETT (die „Blue Jasmine“ von Woody Allen) ist – „in ihren eifersuchtsgrünen Kleidern“ (aus Magazin „Ray“) – ein faszinierendes Pointen-Aas von gieriger, verkommener Wucht. „Die denkbar böseste Stiefmutter aller Zeiten“ („Ray“). Mit sparsamster, aber umso inniger Mimik verabreicht sie ihre emotionalen Bosheiten im Sekunden-Takt. Sagenhaft schön Seelen-eklig. Und mit erstarrter Mine nimmt sie schließlich bei Cinderellas Abgang deren „Ich verzeihe dir“ auf der häuslichen Treppe versteinert entgegen. Ihr eisiger wie eleganter Niederlagen-Geruch ist förmlich spürbar.

Einfangen-Lassen und Schwelgen, lautet das Unterhaltungsgebot der KINO-Stunde. Als zauberhaftes Märchen-Familien-Programm.

Hätte ich vorher nie und nimmer mit- gerechnet: Dieser neue „CINDERELLA“-Film besitzt enormen Spiel-Spaß, bereitet viel atmosphärisches Augen-Vergnügen, ist voll in Gute Laune-Ordnung (= 4 PÖNIs).