Chuck Norris und der Kommunismus Kritik

CHUCK NORRIS UND DER KOMMUNISMUS von Ilinca Calugareanu (B + R; D/GB/Rumänien 2014; K: Jose Ruiz; M: Rob Manning, Anne Nikitin; 78 Minuten; Start D: 12.11.2015); der dokumentarische Spielfilm wurde im Januar dieses Jahres beim renommierten „Sundance Festival“ entdeckt und vom dortigen Publikum gemocht. „Chuck Norris vs. Communism“ stellt dem FILM eine außerordentlich polit-kulturelle Großwirkung aus: Nicht Gorbatschows Reformen haben in Rumänien damals mit für den Umsturz gesorgt, sondern – schleichend, über die Jahre – das VHS, sprich: VIDEOKASSETTEN. Beziehungsweise deren inoffizielle Viel-Verbreitung, die in der „unwissenden“ Bevölkerung pö a pö für den zunehmenden inneren Widerstand sorgte.

Die 1980er Jahre. Rumänien ist unter der Diktatur von Nicolae Ceausescu (26.1.1918 – 25.12.1989) kulturell völlig isoliert. Verödet. Deshalb beginnt der allgemeine Siegeszug des Videorekorders auch hier für heimliche Veränderungen zu sorgen. Viele Menschen versammeln sich abends in abgedunkelten Wohnzimmern, um sich geschmuggelte Filme aus dem Westen anzusehen. Auf das Staatsfernsehen und ihrem immerwährenden Jubel-Programm haben sie keinen Bock mehr. Und so tauchen auf schlecht kopierten VHS-Kassetten plötzlich Filme wie „Rambo“, Beverly Hills Cop“, Rocky oder eben Action-Streifen mit Chuck Norris auf. Ein windiger Schwarzmarkthändler, dessen „Angebote“ offensichtlich auch hochrangige Genossen (und ihre Frauen) interessieren / begehren und der sich deshalb vergleichsweise unbehelligt wie listig wie äußerst profitabel durchschlägt, und eine couragierte Übersetzerin sorgen für eine erstaunliche Hollywood-Knallfall-Entwicklung in Rumänien.

Der Film geht dreifach vor. Lässt einerseits damalige Augen-Zeugen reden, was heute außerordentlich unterhaltsam und pointiert rüberkommt; andererseits wird in Spielsequenzen vorgeführt, wie es intern im Lande aussah und „volks-aufpasserisch“ zuging. Und: Es wird mit zwischengeschaltetem politischem TV-Dokumentarmaterial von damals eingeworfen, in welcher heute unvorstellbaren desolaten wie lächerlichen Kulturrückstandslage sich das Land Rumänien damals befand und welche List und Wagnis es für Interessenten/Neugierige bedeutete, sich dem „rebellisch-erfinderisch“ entgegenzustellen. Insbesondere eine Person rückt in Sachen „Aufklärung durch Kino“ hochinteressant in den Mittelpunkt der Erinnerungen: IRINA NISTOR. Sie übersetzte die Filme damals, sprach jeden englischen Film komplett ein, wurde dadurch zur verbalen Ikone im sozialistischen Lande. Nur mit/in ihrer Sprache galten die Filme als „echt“. Wir erfahren, dass Irina Nistor etwa 3000 Filme eingesprochen hat. Wenn SIE dann selbst persönlich über ihre vielen Abenteuer und kuriosen Erlebnisse von einst erzählt, wird es nachhaltig „aufregend“.

Ein hintergründiges, wahrhaftiges wie ironisches Dokument. Als Spannungsfilm über die Zeit der ideologischen Weltmächte-Ära, in der pfiffige Ideen und riskante Anstrengungen schließlich mit dafür sorgten, dass ein elendes diktatorisches System ins Wanken geriet, um schließlich umzufallen. Aufzugeben. Auseinanderzubrechen.

Der Kultur, dem FILM sei Dank (= 3 PÖNIs).