Cell 211 DVD_Kritik

Der SPANISCHE Film gerät hierzulande – bis auf die Werke eines Pedro Almodóvar – nur selten in das regelmäßige Blickfeld von Kino oder DVD. Ein neuer Film hat es nun „wenigstens“ zur deutschen DVD-Premiere geschafft. Dabei handelt es sich um den in seinem Heimatland in diesem Jahr vielfach prämierten, mit gleich 8 „Goyas“ (den spanischen „Oscars“) – u.a. als „Bester Film“, für die „Beste Regie“ und für den „Besten Hauptdarsteller“ LUIS TOSAR – ausgezeichneten aktuellen Spielfilm

CELL 211“ von Daniel Monzón (Co-B+R; Spanien/Fr 2009; 108 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 27.07.2010).

Basierend auf dem Roman „Celda 211“ von Francisco Pérez Gandul entstand, mit einem Budget von 3 1/2 Millionen EURO, einer der aufwühlendsten „Knastfilme“ überhaupt. Mit einer ähnlichen Intensiv-Wirkung wie die vor einiger Zeit angelaufenen Filme „Ein Prophet“ (Frankreich) und „Hunger“ (GB/Irland): Auch „Cell 211“, also „Zelle 211“, haftet buchstäblich, gedanklich lange nach.
Juan Olivier (der argentinische Newcomer ALBERTO AMMANN) wird morgen seine neue Stelle als Gefängniswärter antreten. Der bald Papa werdende Juan, verheiratet mit der hübschen Elena (MARTA ETURA), ist zufrieden, endlich im sicheren Staatsdienst „gelandet“ zu sein. Möchte von Anfang an einen „guten Eindruck“ vermitteln, kommt also schon einen Tag vorher „zum Dienst“, um sich vor Ort zu informieren, sich mit den künftigen Kollegen auszutauschen, um sich auch mental vorzubereiten. Zwei Kollegen führen ihn durch die Anstalt. In der Schwerstkriminelle ebenso untergebracht sind wie einige Mitglieder der baskischen Terrorgruppe ETA. Als – bedingt durch Sanierungsarbeiten – ein großes Stück Putz von der Decke fällt, wird Juan verletzt. Bewusstlos. Die Kollegen tragen ihn in einer leeren Zelle. Wollen gerade ärztliche Hilfe holen, als ein Aufstand ausbricht. Die Kollegen fliehen, lassen Juan zurück. Als DER erwacht, wird ihm klar, was ihm blüht, wenn er sich als neuer Wärter bzw. Schließer „vorstellt“. Also gibt er sich als Gefangener aus. Anführer im Haus ist der Schwerstkriminelle Malamadre (furchteinflößend-faszinierend: LUIS TOSAR). DEM kommt der „gebildete“, zurückhaltende junge „Mithäftling“ gelegen. Juan wird fortan in die Abläufe und Ereignisse mit-einbezogen. Und muss, wohl oder übel, „mitmachen“. Um nicht entdeckt zu werden.

Du lebst. Gut, sicher, „gemütlich“. Beschützt, abgesichert. Dann machst du einen „falschen Schritt“. Bist zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Plötzlich wird aus deinem überschaubaren Dasein ein ganz anderes. Deine Existenz beginnt sich zu drehen, zu wandeln. Du musst nun „ganz woanders“ leben, überleben. Zu überleben versuchen. Was passiert, wenn so etwas PASSIERT? Wie gehst du DAMIT um? Wie stellst du dich darauf ein? Wenn sich „dein Kosmos“ blitzartig, schockartig verändert? Zum ungewohnt völlig Negativen? Denn du musst nun „ein Anderer“ sein, werden, einen Anderen spielen, mimen, präsentieren. Musst deine Identität heimlich wie sofort wechseln. Während sich drumherum eine „ganz neue“ Welt, eine völlig ungewohnte, nur bösartige „Gesellschaft“ für dich zeigt, öffnet, ausbreitet. In der du nur dann eine Chance hast – wenn du ÜBERZEUGEND mitmachst. Und deinen „freundlichen“, korrekten, bürgerlichen Ursprung verleugnest.
Es wird eng. Stickig. Natürlich SEHR aggressiv. Das bist du überhaupt nicht gewohnt. Musst es aber akzeptieren. Für Verzweiflung ist weder Zeit noch Platz. Und zeigen darfst du DIE ja sowieso nicht. Also passt sich Juan blitzschnell an. Wird zum Mit-Häftling, Mit-Meuterer, Mit-Wortführer. Mit angeblich ebenso viel krimineller Energie. DIE er natürlich dann auch unter Beweis stellen muss. Während die Kollegen draußen verzweifelt versuchen, ihn da rauszukriegen. Aber auch unter DENEN gibt es Opportunisten, korrupte Beamte, Kontaktleute zu den Insassen. Die auf eigenen Profit hin insgeheim „tätig“ sind.

Die Politik schaltet sich ein. Von wegen der ETA-Häftlinge. Denen darf unter keinen Umständen etwas passieren. Dann wäre draußen und anderswo „die Hölle“ los. „Ihr führt Euren Krieg, wir unseren“, raunzt Malamadre abschätzig zu denen. Und weiß „dieses menschliche Polit-Pfand“ für die Verhandlungen taktisch zu nutzen. Hier der charismatische Prolet mit Köpfchen, dort die intellektuellen Polit-Krieger. Die „mit dem Pöbel“ eigentlich nichts zu tun haben wollen. Da bedarf es nur eines Funken, und die Chose explodiert. Zumal die Medien inzwischen Lunte gerochen haben. Deren ständige, aktuelle Berichterstattung gießt nur noch mehr Öl ins Feuer. Viele sind nun aufgeschreckt, drinnen wie draußen. Die Massen strömen. Unkontrolliert, aufgebracht. Auch Elena. Die zum Gefängnis eilt, um zu erfahren, wie es Juan geht. Und wieder ist „Jemand“ zur falschen Zeit am völlig falschen Ort. Eine Tragödie nimmt ihren schlimmen, wütenden Lauf. Und verändert die Positionen von „Gut“ und „Böse“ vollends.

Was für ein spannendes Drama! Mit viel schwarzem Shakespeare-Bitter-Geschmack: Am Hofe des Königs. Mal ist der König ein Vorgesetzter; mal ein KRIMINELLER „Vorgesetzter“; mal ruft sich der Narr selbst (hier: Juan) zum vorübergehenden Herrscher aus…..und wird sofort verraten. Was für ein spannender Menschen-Thriller. Der Extraklasse. Weil gedanklich, körpersprachlich, seelisch und dramaturgisch sowie typenmäßig geschickt wie grandios entwickelt, erzählt, gespielt. Das Ensemble ist INSGESAMT brillant. Ist in jeder großen wie kleinen Figuren-Position außerordentlich dicht, nah, überzeugend-roh, jederzeit voller Reiz-Wucht. Inmitten einer überzeugenden klaustrophobischen Drecks- + Wut-Atmosphäre. In diesem beengten Bewegungsradius solch ein kluges, aufregendes „Die Macht des Schicksals“-Movie „überschaubar“, emotional-packend, intelligent, hart, als unterhaltsamen, nachdenkenswerten Genre-Gefängnis-Film zu präsentieren, ist enorm. Besitzt viel Reiz, Sinn und Adrenalin-Verstand. Verdient Respekt, Interesse, Neugier.
„Cell 211“ ist ein in jeder Hinsicht (SEHR) beeindruckender Spitzen-Thriller. Mit der verständlichen FSK-Empfehlung = ab 16 Jahren.
Anbieter: „Senator Home Entertainment“.