Casino Jack DVD-Kritik

Der „Duden“ weiß Bescheid. Gibt Auskunft. Erklärt, was LOBBYISMUS bedeutet = „Versuch, Gepflogenheit; Zustand der Beeinflussung von Abgeordneten durch Interessengruppen“. Ein LOBBYIST ist demzufolge = „Jemand, der Abgeordnete für seine Interessen zu gewinnen sucht“.
Wir sind stolz auf unsere DEMOKRATIE. Denn DIE bedeutet doch, direkt übersetzt, Herrschaft des Volkes. Über bzw. durch gewählte Volksvertreter. DIE unabhängig und nach bestem Wissen und Gewissen die Interessen des Volkes, also der Bürger, vertreten. Sollen. Sollten.
Denn das System ist, nett gesagt, „ziemlich anfällig“, um es – nicht nett – zu benennen, auch ziemlich korrupt. Wie jüngste seriöse Medien-Fakten hierzulande (mal wieder) belegt haben: Siehe „SPIEGEL“-Titelgeschichte in der Ausgabe Nr.37 vom 10.9.12 = „Politik lohnt sich doch! Vom Staatsdiener zum Großverdiener“. Siehe ARD-Dokumentation innerhalb der Reihe „Exklusiv“ vom Montag, 10.9.2012 = „DIE EINFLÜSTERER“. Oder: „Wie Geld Politik macht“. Wo anschaulich beobachtet wurde, wie rund 5000 hochbezahlte Lobbyisten allein in der Bundeshauptstadt Berlin sich ständig täglich um die Schaltzentralen der Macht „bemühen“. Um ihre Interessen, besser: DIE ihrer Auftraggeber „angemessen“, also profitabel durchzusetzen. Fazit: Die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft sind fließend. Forderungen nach Transparenz und Korruptionsbekämpfung praktisch aussichtslos.

Im Land des Ur-KAPITALISMUS, in den USA, geht es natürlich noch weitaus unappetitlicher zu. Seitdem in den Achtzigern die Regulierung der Banken quasi aufgehoben und „der Geld-Markt“ freigegeben wurde, auf dass er sich selber kontrolliere, ist vieles, wie wir inzwischen weltweit erfahren durften, unkontrollierter geworden. Unanständiger. Gieriger. Gemeiner. Alarmierender. Einer, der „daran“ maßgeblich beteiligt war, ist JACK ABRAMOFF. Geboren am 28. Februar 1959 in Atlantic City/New Jersey. Der erzkonservative, strenggläubige politische Berufslobbyist und Aktivist der Republikaner, der erfolgreiche Geschäftsmann spielte eine zentrale Rolle in einer Reihe von politischen Skandalen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im März 2006 wurde Jack Abramoff, der „Pate der Republikaner“, wie er genannt wurde, von einem Gericht in Miami zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. (Im Juni 2010 wurde er nach dreieinhalb Jahren Gefängnis entlassen und arbeitete danach als Pizzabäcker in Baltimore; Quelle: „Spiegel“ vom 24. Juni 2010).

Natürlich ist DAS ein toller Film-Stoff. Von wegen GIER mit „echtem“ NAMEN. Im Gegensatz zu Uns-Hier, wo es aktuelle politische Unterhaltungsfilme quasi nicht gibt, weder erdacht noch verwirklicht werden (können/sollen), reagierten „dort“ intelligente wie kreative Künstler umgehend. Und schufen einen ebenso spannenden wie intelligenten Business-Thriller. Der jetzt hierzulande deutsche Erstaufführung per DVD (und Blu-ray) hat:

CASINO JACK“ von George Hickenlooper (Kanada 2009; B: Norman Snider; lt. Vorspann „inspirided by true events“; 108 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 06.09.2012).

George Hickenlooper war Drehbuch-Autor, Produzent und Regisseur. Wurde bekannt durch seine beiden, 1991 entstandenen Dokumentationen „Reise ins Herz der Finsternis“ (über die Entstehung des Francis Ford Coppola-Meisterwerks „Apocalypse Now“) sowie „Zweimal Texas“ (über den Regisseur Peter Bogdanovich). Kinospielfilme wie „The Killing Box“ (1993), „Täter unbekannt“ (1996), „Ein Mann für geheime Stunden“ (2001) sowie „Factory Girl“ (2006) folgten. „Casino Jack“, ab Juni 2009 im kanadischen Hamilton und in Ontario gedreht, war sein letzter Film, denn GEORGE HICKENLOOPER starb am 30. Oktober 2010 in Denver/Colorado im Alter von nur 47 Jahren. Und hinterließ seinen wohl besten Film. Dabei im Blick- und Mittelpunkt: Der wunderbare Actor und zweifache „Oscar“-Preisträger KEVIN SPACEY („Die üblichen Verdächtigen“; „American Beauty“). Als Finanzhai Jack. Abramoff. Der schon ganz am Anfang eine brillante Erklärungsrede hält. In sein Spiegelbild. Beim Zähneputzen. Motto: „Ehre, Integrität, Prinzipien – alles ist verhandelbar“. Und in der er gegen die „übliche Mittelmäßigkeit“ wettert: „Entweder bist du ein Gewinner oder ein Sklave, der sich wie alle Anderen still unterordnet“. Für ihn, für Jack steht fest: „Ich werde nicht an einer Welt der Mittelmäßigkeit teilnehmen“. Was für ihn so viel bedeutet
wie: „Ich werde nicht U-Bahn fahren!“ Also muss kräftig geackert werden, um dieser verhassten Mittelmäßigkeit ausweichen zu können. Jack fühlt sich wohl als professioneller, also lizensierter Lobby-Aktivist: „Neben Gott, Glauben und Vaterland ist nichts Wichtiger als Einfluß. Politischer Einfluss“. Dabei geht sein Blick auf das „Time“-Titelbild. Mit George W. Bush als „Person of the Year“. Schließlich, so Jack: „Lobbyismus ist angewandte Demokratie im amerikanischen Stil“. Was praktisch angewandt bedeutet, es wird genüsslich manipuliert, geschachert im (ganz) großen (Geld-)Stil, es wird geschickt getrickst, also gelogen und betrogen: „Wir ölen das Rad mit amerikanischen Dollar. Das ist Kapitalismus vom Feinsten“. Während Jacks Ehefrau Pam (herrlich präsent-„nett“: KELLY PRESTON/die John Travolta-Gattin) besorgt anfragt: „Hast du denn heute schon gebetet?“

Es geht um Lizenzen, irre viele Dollar-Scheine, verschiedene gewinnlüsterne Interessenten wie Interessengruppen, es geht darum, wie ein Spitzen-Makler möglichst Unsummen von Gewinn einzustreichen. Mit „lockerem Verbal-Aufwand“. Was natürlich für Jack, aber vor allem für seinen hitzigen jungen Partner Michael Scanlon (BARRY PEPPER als perfekter Gier-Boy) auch Ego-Verführung bedeutet. Und tatsächlich: Man übernimmt sich schließlich total. Benötigt immer mehr Geld für die eigenen Gier-Interessen, sprich zum Beispiel für private, also luxuriöse (sehr) teure Immobilen. Immer GRÖSSER soll, muss, darf es sein. Das Ein- und Abtauchen in das Luxus-Desaster. Wird vor allem Partner Michael zum Verhängnis. Über „ganz simple“ Frauen“geschichten“. Während Jack bemüht ist, die aus den Geschäftsfugen geratene Chose wieder „aufzufangen“: „Wir sind Diener der Zivilisation“. Und: „Die Republikanische Partei leuchtet den Weg. Für Amerika. Und für den Rest des Erdballs“. Oder die Erkenntnis: „Washington ist Hollywood mit hässlichem Gesicht“. Jack berauscht sich an seinen Worten. Kriegt aber „die Taten“ nicht mehr in den Griff. Verliert zunehmend die Kontrolle. So dass „Freunde“ auf Distanz gehen. Sich abnabeln. Zu Gegnern werden. Dieses „Jeder ist käuflich, wenn man es nur richtig anstellt“, gilt plötzlich für ihn nicht mehr. Jack, der ursprünglich Unantastbare, gerät in die ganz normalen Maschen der „simplen“ amerikanischen Justiz.

KEVIN SPACEY und seine Tour de Force. Als Jack Abramoff. Ist er das personifizierte Gier-Fieber. In und mit jeder Pore seines „Nadelstreifen-Körpers“. In und mit jeder Bewegung. Jedem zynischen Lächeln. Jeder süffisanten Heuchelei. Mit jedem seiner Überzeugungs-Worte. Mit denen er sich die Welt, seine Welt, „maßschneidert“. So zurecht „biegt“, wie es ihm am besten, also am vorteilhaftesten, also profitabelsten passt. Dass durch seine Ideen, über seine Gedanken, durch sein Handeln viele „Normale“ auf der Strecke bleiben, individuell kaputt gehen, interessiert ihn nicht. Moral ist für ihn „etwas für Verlierer“. Aus der Durchschnitts-Gosse. Für die beknackten, verachteten U-Bahn-Benutzer. KEVIN SPACEY ist beunruhigend phantastisch. Von einer immensen Glaubwürdigkeit. Säuischen Verlässlichkeit. Außen wie innen. WIE er diesen kalten Schlaumeier der Gier lächelnd präsentiert, entsprechend dem Dauer-Motto GELD, GELD, GELD, ist einfach brillant. „Ohne Kapitalismus keine Scheißdemokratie“, tönt er lustvoll in die Meute-Menge der Medien. Für die vielen Durchschnitts-Fuzzis „da draußen“, die „es nicht bringen“. „Nicht haben“. Seine Sicht der Dinge. Seine Fähigkeiten. Seine Gewinner-Mentalität. Es lebe der „korrekte“ amerikanische Größenwahn.

Beneidenswert – „CASINO JACK“ ist ein Polit-Thriller zum guten Schauen und zum klugen Hören. Zuhören. Mit vielem großartigem Denk-„Material“. Als kritische Spannungskomödie. Mit einem erstklassigen Ensemble. Für den prächtigen „Vorturner“ Nr.1 KEVIN SPACEY. Der sich inzwischen zu den Besten der Besten katapultiert hat. In der überschaubaren Gemeinde der tatsächlich weltbesten Schauspieler. An seiner Nr.2-Seite und sich ebenfalls eindrucksvoll bewährend, hochputschend: Barry Pepper (im Kino zuletzt im Western „True Grit“). Der künftig auch (sehr) viel (mehr) Aufmerksamkeit verdient. Auf den es künftig auch stärker zu achten gilt.

Was für ein aktueller filmischer DVD-Unterhaltungstriumph: „CASINO JACK“. Die „ganz dicke“ Empfehlung gilt. (Besonders auch für die vielzählige „depressive“ deutsche Filmemacher-Schar…).

Anbieter: „Studiocanal“