CARTEL LAND

Es ist derzeit – neben den weltweiten Flüchtlingswanderungen – ein kriminelles wie kulturelles Dauer-Thema: Der Drogen-Krieg an der Grenze zwischen den USA und Mexiko; beziehungsweise umgekehrt. Der amerikanische Schriftsteller und Bestseller-Autor Don Winslow beschreibt in seinem neuesten Roman „Das Kartell“ diesen brutalen, mörderischen Konflikt; und der kürzlich in die Kinos gelangte, herausragende Film „Sicario“ (s. Kino-KRITIK) blickt dieser Konfrontation mitten hinein ins illegale Auge. Jetzt erzählt ein aufregender Dokumentarfilm davon, wie an dieser Nahtstelle der Welt die menschlichen Perversionen ungeheuerliche und eigentlich kaum mehr zu lösende Konflikt-Ausmaße angenommen haben. Er wurde erstmals in diesem Januar beim „Sundance Festival“ präsentiert und gewann dort sowohl den „Regie-Preis“ wie auch den „Sonderpreis der Jury“ für Kamera und Regie:

CARTEL LAND“ von Matthew Heineman (Produktion, K, Schnitt + R; USA 2013/2014; weitere K: Matt Porwoll; Co-Produktion u.a.: Kathryn Bigelow; M: Jackson Greenberg, H. Scott Salinas; 100 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 30.10.2015).

Eine Drogenküche irgendwo auf mexikanischem Land. Dämpfe von Methamphetamin (= ist eine synthetisch hergestellte Substanz und Bestandteil der euphorisierenden Droge Crystal Meth) wabern durch die Nacht. Maskierte Männer bewachen die Mini-Fabrik, in der Crystal Meth produziert wird. Die synthetische Droge ist ein Verkaufsschlager in den USA und in Europa. Ein Milliarden-Geschäft. „Wir wissen, welchen Schaden wir anrichten“, sagt einer der vermummten Männer. „Aber was sollen wir machen? Wir sind arm. Wenn wir Geld hätten, wären wir wie ihr, würden um die Welt fahren und gute Jobs haben“, sagt er und blickt direkt in die Kamera, zu uns hin. „Aber wenn wir unseren Herzen folgen, haben wir schon verloren. Also werden wir das hier machen, solange es Gott erlaubt. Und jeden Tag werden wir mehr von diesem Zeug kochen, denn das hier wird es immer geben, habe ich recht?“

Die Drogenkartelle in Mexiko überziehen das Land mit Mord und Terror. Der Krieg zählt inzwischen 100.000 Tote und 20.000 Vermisste. Die Politik ist korrupt und paktiert längst mit den mächtigen Bossen. Doch der Widerstand innerhalb der Bevölkerung wächst. Im Süden Mexikos greifen Menschen zu Waffen, um gewaltsam gegen den Einfluss der Kartelle anzugehen. Anführer der „Autodefensas“ ist der angesehene Arzt José „El Doctor“ Mireles. Der mit seinen Anhängern eine Stadt nach der anderen „befreit“. Zu selben Zeit formiert sich im US-Staat Arizona eine Bürgerwehrbewegung. Angeführt vom Ex-Soldaten Tim „Nailer“ Foiley. Diese paramilitärische Gruppe patrouilliert schwerbewaffnet an der mexikanischen Grenze. Auch sie haben längst das Vertrauen in ihren Staat verloren und jagen auf eigene Faust Drogenschmuggler. Im äußerst aggressiven Kampf der Bürger-Wehren gegen die Kartelle stellt sich allerdings schon bald die Frage: Wo eigentlich verläuft die Grenze zwischen Gut & Böse? Recht & Unrecht?

Der Filmemacher MATTHEW HEINEMAN ist Regisseur und Produzent des Dokumentarfilms „Escape Fire: The Fight To Rescue American Healthcare“, der 2012 beim renommierten „Sundance Festival“ uraufgeführt wurde und nach mehreren internationalen Festival-Preisen für den „Emmy“, den TV-„Oscar“, nominiert war. Davor arbeitete Matthew Heineman zwei Jahre lang an der wegweisenden und mit zwei „Emmys“ ausgezeichneten HBO-TV-Serie „The Alzheimer’s Project“ mit, die 2009 erstmals in den USA zur Primetime im Fernsehen ausgestrahlt wurde und ein Millionenpublikum erreichte. Für „CARTEL LAND“ begab sich der 32jährige dorthin, wie wir bei Mittelstürmern im Fußball sagen, dorthin, „wo es weh tut“. In die Mitte „des Hurricans“. Hier: Wo es extrem lebensgefährlich ist. Er begab sich freiwillig in Gefahr, um authentische Bilder „zu bekommen“. Bemühte sich monatelang, das Vertrauen hier wie dort der zwei Hauptverantwortlichen zu gewinnen, um über sie an zum inneren Zirkel zu gelangen. Zu den Entscheidern. „Ein Jahr lang begleitete ich sie und ihre Leute auf Schritt und Tritt. Und in diesem Jahr nahm die Geschichte immer wieder neue, unfassbare Wendungen, wie ich sie vorher nicht für möglich gehalten hätte“ (Matthew Heineman).

Seine mitgebrachten“ Bilder verstören. Ungemein. Lassen an allem Zweifeln, was wir Zivilisation nennen. „Cartel Land“, der Film, ist ein authentischer Alptraum. Den der Filmemacher an keiner Stelle kommentiert. Gar nicht kommentieren muss, denn seine Bilder sprechen für sich. Motto: Es gibt schon längst keine anständigen Regeln mehr. Das Denken und Handeln von sämtlichen Beteiligten vermischen inzwischen die Linien zwischen Gesetz und Verbrechen. Zwischen Gut und Böse. Zwischen Unschuldigen und Schuldigen. Als Argumente zählen nur noch: Gewalt als Ausdruck, als Demonstration der Stärke. Der Macht. Des profitablen Gewinnens. Von Unmengen von Geld. Am Ende blicken wir wieder auf die dampfenden Meth-Bottiche in der mexikanischen Nacht-Wüste, wie am Beginn. „Der Staat, die Kartelle, die Bürgerwehren; am Schluss sind sie alle eins“, erklärt einer dieser maskierten „Köche“, mit dem halbautomatischen Gewehr im Anschlag. Und wir begreifen, nach diesen außerordentlich informativen, spannenden, ekligen Dokumentarfilmminuten, wie offensichtlich Recht er hat.

„‚Breaking Bad‘ in echt“ war in „Newsweek“ zu lesen. „Der wichtigste Dokumentarfilm des Jahres!“, urteilte „New York Magazine“ (= 5 PÖNIs).

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