Captive Heimkino

Bestialische „moderne“ Verbrechen und ihre gesellschaftlichen wie individuellen Auswirkungen stehen im Mittelpunkt des neuesten Films von ATOM EGOYAN:

THE CAPTIVE“ von Atom Egoyan (Co-B + R; Kanada 2013; Co-B: David Fraser; K: Paul Sarossy; M: Mychael Danna; 112 Minuten; Heimkino-VÖ: 27.01.2015).

2013, 2011/2012/2013 sowie 2005 lauten die Zeit-Stationen. Ausgangspunkt: Schnee, Kälte, atmosphärische Kühle. Das vereiste Kanada. Trauer. Die 9jährige Cassandra wurde entführt. Vor rund acht Jahren. Von einem Moment auf den anderen änderte sich alles. Veränderte sich die eheliche wie seelische Situation in der Familie. Vater Matthew (RYAN REYNOLDS) hatte seine Tochter nur für einen kurzen Moment in dem Auto alleingelassen, um in der auf dem Rückweg abseits gelegenen Bäckerei etwas zu kaufen. Als er zurückkam, war seine Tochter weg. Entführt. Tina, die Mutter (MIREILLE ENOS), ist verzweifelt und gibt ihrem Mann die Schuld. Eben noch war die Familie, mit ihrer Nesthäkchen-Eisläuferin „Cass“, in einem emotional glücklichen Befinden, jetzt ist alles zerstört. Zumal sich auch die ermittelnden Polizisten mit ihrer speziellen Art der (Schock-)Befragung („Ich schüttle den Baum und sehe, was ´runterfällt“, erklärt der „robuste“ Ermittler Jeffrey) alles andere als sensibel verhalten. Und erst einmal den fast pleite seienden Vater verdächtigen. Seine Tochter profitabel „verscheuert“ zu haben.

Denn bekannt ist, es existieren dort, in der schlimmen Real- wie in der „lukrativen“ Cyber-Welt, Dinge, von denen Matthew- und Tina-Normalmenschen nichts wissen. Bisher nichts wussten. Pädophile jagen und fangen gerne Kinder, um sie einem zahlenden Computer-Publikum „vorzuführen“. In den ekligsten Situationen. Und wir kommen dem gewieften Schurken, „feinen“ Dreckskerl und Mozart-Liebhaber Mika (KEVIN DURAND) auch bald nahe, denn er zeigt sich uns „präsent“ wie bestens „arbeitend“. Als in einem feudalen Haus herrschender psychopathischer „Beobachter“, Herrscher, der sich genüsslich an der Dauer-Trauer von Tina weidet. Ein perfides (Kamera-)Spiel, das er lakonisch als „Story Time“ bezeichnet. Während er „nebenan“ „Cass“ die Bilder ihrer trauernder Mutter, die in ihrem Hotel-Job als Reinemachfrau andauernd Erinnerungsstücke ihrer Tochter findet, auch noch übersprechen lässt. Cassandra taucht wieder auf. Öffentlich. Im Internet. Ihr Foto. Nach den vielen Jahren.

Was sich erzählerisch deutlich anhört, ist filmisch kompliziert. Von wegen die Zeitsprünge. Und den zahlreichen Diskrepanzen. In dem über die Jahre ge- und verwachsenen Verhältnis zwischen den Beteiligten. Wenn die Mutter Tina sich immer wieder mit der ermittelnden Polizisten und Leiterin der Abteilung für Kindesmissbrauch, Nicola Dunlop (ROSARIO DAWSON), zur Seelenmassage trifft. Während Nicola inzwischen ein intimes Verhältnis mit ihrem Kollegen Jeffrey eingegangen ist. Was die „Wahrnehmungen“ dieses Falles erheblich beeinflusst.

Der Mensch. Seine Motive, „Glück“ herbeizuführen. Sich im Leben „zu amüsieren“. Oder einfach nur „einfach“ sein. Im Zusammenleben. Wie schnell können diese Möglichkeiten dort (kriminell) entstehen und hier platzen. Die Reaktionen. Der Beteiligten. Aus der Sicht des „Machers“ wie aus der Sicht von verwirrten, wütenden Helfern und Betroffenen. Motto: Wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Eingetreten sind. Nicht umgehend (auf-)geklärt werden können. Wenn es gilt, „damit“ umzugehen. Mit diesen desaströsen Belastungen. Und extremen Folgen. Nicht das „Warum“ und „Wieso“ interessiert Egoyan dabei, sondern die intellektuelle Möglichkeit des tatsächlichen Geschehens. Von derart Säuischem.

Atom Egoyan hat einen verstörenden Psycho-Thriller geschaffen. Ständig von Unruhe durchsetzt, nie vorhersehbar, mit verblüffenden Wendungen mitunter „merkwürdig“, also nicht nachvollziehbar, sondern irritierend hantierend. Zum Deuten freigegeben. Hollywood-Star Ryan Reynolds („Buried – Lebendig begraben“) kehrt nicht den namhaften Solisten ´raus, sondern fügt sich in das „schwermütige Ensemble“ gut ein. „The Captive“, „Die Gefangene“, ist ein „unklarer“ Spannungsfilm; für ausgesprochene Atom Egoyan-Fans. Die sich für sein Schaffen immer interessieren. Ein Werk – mehr – für sein Oeuvre.

Anbieter: „Ascot Elite Home Entertainment“