BEING MARIO GÖTZE – EINE DEUTSCHE FUßBALLGESCHICHTE

„BEING MARIO GÖTZE – EINE DEUTSCHE FUßBALLGESCHICHTE“ von Aljoscha Pause (B + R; D 2016/2017; K: Sebastian Uthoff; Schnitt: Jan Richter; M: Schwarz; 136 Minuten); Langzeitdokumentationen sind im Kino immer etwas Spezielles. Wer bringt heutzutage dort noch dokumentarische Geduld für eine (viel) längere Zeit auf als herkömmlich? Und: Welcher Filmemacher vermag sein Thema dermaßen ausführlich-spannend zu halten? Um für die erforderliche Dauer-Neugier zu sorgen? Dem Adolf Grimme-Preisträger ALJOSCHA PAUSE gelingt dieser Spagat bei seinem engagierten wie unterhaltsamen Bemühen, den Fußballer-Menschen MARIO GÖTZE „zu identifizieren“.

Vorweg aber: Wer hier auch eine politische Beschreibung von GELD in diesem Zirkus-Business Profi-Fußball erwartet, wird enttäuscht. GELD bekommt nur am Rande eine kurze Nennung.

MARIO GÖTZE war 17, als er bei Borussia Dortmund erstmals in der Bundesliga-Mannschaft spielte. Mit 18 reüssierte er in der Nationalmannschaft. Und er war 22, als er am 13. Juli 2014 das entscheidende Tor für Deutschland im WM-Finale in Rio de Janeiro gegen Argentinien schoss. Seitdem wird sein Name mit den WM-Heros Helmut Rahn (1954), Gerd Müller (1974) und Andreas Brehme (1970) in einem Zusammenhang genannt. Dieser frühe Erfolg war Sieg und Fluch zugleich für diesen überragenden Spieler. Dessen weitere Karriere fortan immer von und mit diesem Tor-Triumph begleitet wurde und wird und immer wieder auch von „der Aufforderung“ von Fans und Medien begleitet: „Mach’s noch einmal beziehungsweise immer wieder, Mario: Schieß‘ das „Goldene Tor“. An jedem Spiel-Tag neu. Doch: Geht das überhaupt? Zu toppen? Und überhaupt: Wie steht es um diese riesige Erwartungshaltung ihm gegenüber? Oder: Was für eine Hosianna-Kreuzigt-Ihn-Message ist das überhaupt?

Der Film „Being Mario Götze“ wandelt aber nicht auf etwaiigen Mitleidsspuren, sondern arbeitet sich fleißig wie emotional wie kommentierend an und ab an diesem öffentlichen, aber nun eben auch viel privaten Mario Götze. Dabei treten Promi-Kommentierer auf wie: der väterliche Jürgen Klopp, Nationalmannschafts-Kollege Toni Kroos, Nationaltrainer Joachim Löw, Manager Bierhoff oder auch wie der sehr philosophisch-intelligent formulierende Matthias Sammer, der sich klug über Genialität und Sensibilität äußert, oder auch der Vater Jürgen Götze sowie der ältere Bruder Fabian, der mit Mario sehr verbunden ist (und heute beim FC Augsburg spielt).

MARIO GÖTZE: Dessen Laufbahn seit geraumer Zeit arg ins Stocken geraten ist. Von wegen „schwierigen“, also auch mentalen Verletzungen. Und dem der Damals-Wechsel von „Heimat“-Dortmund gen Bayern München – von dortigen 4 Millionen EURO-Jahresgehalt ist kurz mal die Rede – im Nachhinein betrachtet spielerisch wie menschlich gar nicht gut bekommen ist. Dem Warum, Wieso und der „schwierigen“ Rückkehr nach Dortmund und dem (bisher) noch nicht geglückten Comeback in der Nationalmannschaft spürt der Filmemacher sorgfältig wie akribisch und natürlich auch sehr emotional nach. Auch über viele Spielausschnitte, was einem Dortmund-Fan wie mich natürlich begeistert.

Herausgekommen jedenfalls ist das hochinteressante Porträt eines Menschen, dessen begnadetes Talent, Fußball zu spielen, zu einem Leben „außerhalb von Normal-Leben“ führt. Mit vielen Erfolgen und Einschlägen verbunden ist, von denen man als Außenstehender so nichts erfährt. Innerhalb dieses schnelllebigen Profi-Zirkus‘ Fußball. Und das alles in individuellen Einklang zu bringen, für einen jungen Burschen, trotz aller Attraktivität wie Berater, finanzielle Absicherung auf Lebenszeit und Star-Hype, mit extrem vielen Hürden verbunden ist. „Das Leben ist plötzlich eine andere Erlebniswelt“, meint Mario Götze eingangs. Rückblickend. Bedeutet: „Das Leben ins Zeitraffer, mit einem sehr, sehr kurzen Zeitfenster“.

Am Bundesliga-Samstag, den 6. Oktober 2018 war es mal wieder so weit. Der neue Dortmund-Trainer Lucien Favre (an den wir Berliner Herthaner nicht unbedingt die beste Abschiedserinnerung haben) wechselte Mario Götze ein. Die „Süddeutsche Zeitung“ beschreibt das auf der Sportseite 29 am Montag-danach so: „Sogar der ermattete Mario Götze wurde wiedererweckt. Sieben Minuten nach seiner ersten Liga-Einwechslung in dieser Saison schoss er sein erstes Tor seit acht Monaten“. (Das „Wahnsinns“-Spiel endete übrigens 4:3 für Dortmund).

Die Hoffnung stirbt weiterhin zuletzt, und wir betrachten nach diesem beeindruckenden Filmporträt den Fußballer UND den Menschen Mario Götze ab sofort mit anderen Augen (= 4 PÖNIs).