NANOUK

„NANOUK“ von Milko Lazarov (Co-B + R; Fr/D/Bulgarien 2017; Co-B: Simeon Ventsislavov; K: Kaloyan Bozhilov; M: Penka Kouneva; 96 Minuten); schön, dass das Kino (noch) auch „so etwas“ vermittelt: Geschichten, Beobachtungen, Leben jenseits der kommerziellen Zivilisation. Will sagen – wir befinden uns in den Eiswüsten des sibirischen Nordens, in Jakutien. Und empfinden sogleich: eine unwirkliche, eigentlich lebensfeindliche Region, die allerdings atemberaubend schön erscheint. Hier leben wie ihre indigenen Vorfahren Sedna (FEODOSIA IVANOVA) und Nanouk (MIKHAIL APROSIMOV), ein in die Jahre gekommenes Ehepaar. Ihre Jurte besteht aus Rentierfellen, und sie versorgen sich mit Jagen und Fischen. In der Wildnis begleitet sie ihr Hund. Es ist ein ebenso schweigsamer wie rauer Alltag, den die Beiden ohne viele Worte verbringen. Doch das Dasein-hier wird immer schwieriger. Tiere um sie herum verenden an einer mysteriösen Krankheit. Und die immer früher einsetzende Schneeschmelze und die Stürme bedrohen die schützende Behausung. Ein Besuch unterbricht den Alltag. Sohn Chena taucht auf. Bringt mit dem Schneemobil Feuerholz. Er ist die einzige Verbindung zur Zivilisation „in der Ferne“ und zugleich zur Schwester Ága. Sie hat vor langer Zeit das traditionelle Leben und im Streit die Familie verlassen. Nanouk möchte seine Tochter noch einmal wiedersehen und begibt sich schließlich auf eine nicht ungefährliche lange Reise. Durch die existenzfeindliche Traum-Natur.

„Nanouk“ lief, dort unter dem Titel „Ága“, im diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsprogramm außer Konkurrenz und eroberte die Herzen. Dem bulgarischen Autoren-Regisseur MILKO LAZAROV gelingt mit seinem – nach „Alienation“/2013 – zweiten Spielfilm die Balance zwischen dokumentarischem Hinschauen und magischen visuellen Motiven. „Nanouk“, der Film, ist ein betörendes Poem über ein Leben, das so nicht mehr lange existieren wird. Ist ein Denkmal für eine Welt, die jetzt noch einmal zur Kenntnis zu nehmen, überhaupt noch einmal auf- und wahrzunehmen, ein grandioses emotionales Seelen-Erlebnis und prächtiges Natur-Schauspiel bedeutet. „Ich sehe meine Figuren als die letzte Familie auf der Erde. Sie versuchen, diese Familie zusammenzuhalten“, beschreibt Milko Lazarov seine Ambitionen mit seinem Film im Presseheft. Das Arthaus-Kino bietet ein Pralinen-Lichtspiel an (= 4 PÖNIs).