Beginners

BEGINNERS“ von Mike Mills (B+R; USA 2010; 105 Minuten; Start D: 09.06.2011); nachdem ich 2005 mit dem Debütfilm des 1966 in Berkely/Kalifornien geborenen Musikvideo- + Werbefilmers, Grafikdesigners und Regisseurs – „THUMBSUCKER“ – überhaupt nicht einverstanden war (er lief im Wettbewerbsprogramm der Berlinale und war danach im Kino erfolglos), halte ich die Daumen bei seinem zweiten Werk GANZ hoch. „Beginners“ ist wunderbares Kino. Frei nach dem Motto – Du kannst an jedem Tag deines Lebens, egal wie alt du auch bist, dein Leben ändern. Verändern. Es beispielsweise völlig umpolen. Du hast nur dieses eine, also nutze es nach deinem Gutdünken und Geschmack. Inspiriert wurde Mike Mills durch eigene familiäre Ereignisse.

„Beginners“: Am Anfang steht die öffentliche Täuschung. Den Heiratsantrag macht die Frau. Obwohl ihr Auserwählter ihr gesagt hatte, er sei schwul. „Macht nichts, das kann ich heilen“. So ergreift er die Chance, Anfang der prüden 50er USA-Jahre, Anfeindungen zu entgehen. 45 Jahre verheiratet, keine glückliche Ehe. Ein Sohn. Die Ehefrau ist gestorben, der Vater 75. Und erklärt seinem Sohn, dass er schwul ist. Und fortan nur noch „so“ leben will. Und nun auch „so“ lebt. Doch Hal (CHRISTOPHER PLUMMER) läuft die Lebenszeit davon. Er hat Lungenkrebs. 5 Jahre sollen ihm noch bleiben.
Einen Monat nach dem Tod seines Vaters lernt der überzeugte Single-Sohn Oliver (EWAN McGREGOR), ein Künstler und Melancholiker, „als schlecht gelaunter Sigmund Freud“ die unkonventionelle französische Schauspielerin Anna (MÉLANIE LAURENT) kennen. Sie übrigens als „Charlie Chaplin“. Auf einer komischen Kostüm-Party. Und weiß nicht mit seinen Empfindungen umzugehen. „Traut“ sich nicht. Hat noch „den Vater“ im geistigen Buckel. Die Prägezeit. Sich anzupassen. Nix riskieren. Unauffällig in der Gesellschaft mitmischen. Mit diesem Strom mitschwimmen. Aber wer will wirklich auf immer und ewig ein Duckmäuser sein UND BLEIBEN?

Zwischen den beiden „ähnlich gelagerten“ Seelen beginnt ein mit- wie hinreißendes Beziehungspuzzle. Dabei eine Szene für die Ewigkeit – wenn Anna, die an einer Kehlkopfentzündung leidet und nicht sprechen kann, es tatsächlich fertigbringt, mit ihm am Telefon „stumm“ zu flirten. Weil man sich doch gerade erst kennengelernt und somit viel mitzuteilen hat. Und auch einfallsreich-herrlich – wenn Oliver sich mit seinem Jack Russell-Terrier Arthur „austauscht“, sich zu DEM hin öffnet und DER mittels Untertitel „lebensphilosophisch antwortet“. Köstlich.
Bilder der Gegenwart vermischen sich mit Bildern aus der Vergangenheit. Mal herzzerreißend traurig, wenn Oliver mal wieder mit seinem Ich + Sich im ewigen Problemstau steckt, mal total witzig-fein. Wenn der Terrier „eingreift“. Augenzwinkern mit intelligentem Gefühl. Schön, pointiert, einfallsreich, mit vielen tollen Befreiungsgedanken für mutige Lebenskandidaten. Natürlich, die Schauspieler: Das Ensemble ist riesig. Schwungvoll. Berührend. Amüsant. So etwas von stimmig. Einschließlich Vierbeiner. Der kanadische Oldie Christopher Plummer, einst, 1978, in „G – Dein Partner ist der Tod“ einer der kältesten Gangster der Filmgeschichte, gibt sich locker, bunt, bewegt. Ewan McGregor, seit „Trainspotting“, 1996, auf der darstellerischen Überholspur, ist der „irritierte“, zerrissene, zauslig-zaudernde Sensibel-Ewigboy, der nun offensichtlich an „die Richtige“ geraten ist: Mélanie Laurent, die ja schon in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ als energische Kinofrau auftrumpfte und hier auch klug-denkend fühlt und lenkt.

„Doktor Freud in Partylaune“ titelt der „Spiegel“ seine Filmkritik. Einfach toll. Das Arthouse-Kino hat einen neuen RIESIGEN Knüller! (= 4 ½ PÖNIs).