Aufrecht gehen Kritik

AUFRECHT GEHEN“ von Helga Reidemeister (B+R; D 1988; 92 Minuten; Start D: 10.04.2003). Ihr letzter Film „Drehort Berlin“ stand im vergangenen Jahr eine beachtlich lange Zelt in der Filmbühne am Steinplatz auf dem Programm.

“Aufrecht gehen“ ist ein Film über Rudi Dutschke, der in den 60er Jahren eine der herausragenden Persönlichkeiten der Studentenbewegung war. Aber da Rudi Dutschke wie nur wenige andere Leute in der deutschen Nachkriegsgeschichte am öffentlichen und politischen Leben teil nahm, ist “Aufrecht gehen“ natürlich auch ein Film übe politische Atmosphäre der 60er Jahre. Über den Mauerbau, den Vietnam Krieg, die RAF und die Studentenunruhen. Die Regisseurin möchte ihren Film deutlich nicht als schulmeisterhaften Geschichtsunterricht verstanden wissen, nach dem Motto ‚Seht, was wir früher vollbracht haben‘.

“Aufrecht gehen“ ist ein politischer Film über eine politische Entwicklung, die Helga Reidemeister noch längst nicht beendet sieht. Die Dinge stehen im Zusammenhang und so lässt die Regisseurin ihren Film auch nicht mit dem Tode Rudi Dutschke’s enden. Sie fügt stattdessen Dokumente der Hausbesetzer Zeit, von Anti AKW Demonstrationen und
Gespräche mit Autonomen und Studenten über die Gewaltfrage hintenan. Der Film hat einen mehr oder minder chronologischen Verlauf, der allerdings nicht als dröge auffällt und auch immer wieder ‚völlig undogmatisch, von Interviews oder einem Janis Joplin Lied unterbrochen wird. Sogar die Kameraführung ist zeitweilig äußerst gewitzt und einfallsreich.

Helga Reidemeister stellt in ihrem Film verschiedene Personen vor, die partiell eine ähnliche Vergangenheit hatten wie Rudi Dutschke, in diesem Zusammenhang sei der Schriftsteller Fried genannt, der auch lange Zeit im Exil verbrachte. Aber auch der Verleger Klaus Wagenbach, Pastor Helmut Gollwitzer und das Berliner Original Dieter Kunzelmann kommen zu Wort. Leute, die Rudi Dutschke schätzten, seine Arbeit befürworteten, in einigen Punkten aber doch völlig anderer Auffassung waren.
Der Film ist informativ ohne belehrend zu sein, spannend und manchmal, trotz des sehr ernsten Themas, sehr witzig und lebendig.

Ein seltener Lichtblick in der Dokumentarfilmlandschaft
(= 4 PÖNIs).