Auf ein Neues Kritik


AUF EIN NEUES“ von Alan J. Pakula (USA 1979; B: James L. Brooks; K: Sven Nykvist; M: Marvin Hamlisch; 106 Minuten; Start D: 25.04.1980).

Das Thema erscheint auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Geschieden zu werden bedeutet Seelenqualen, Unsicherheit, Verwirrung, Enttäuschung. Es eröffnet aber auch die Möglichkeit, sich erneut zu verlieben. Sich erneut zu verlieben bedeutet Seelenqualen, Unsicherheit, Verwirrung, Enttäuschung. Wenn bisher in Filmen die geschiedene Frau all dieses empfinden und durchstehen musste, so wird jetzt der Spieß umgekehrt: der Mann wird allein gelassen und kommt darüber nicht hinweg. Sein männliches Weltbild ist total in Unordnung geraten.
Rein äußerlich wirkt er wie einer jener Leinwandgestalten denen die Welt gehört, die es immer richtig packen, bei denen die Frauen reihenweise „schwach“ werden.
Eine hochgeschossenes Muskelpaket von Mann, das ist hil Potter (BURT REYNOLDS): Aber damit hat es sich auch schon mit dem Strahlemann von gestern. Potter schreibt
zweitklassige Magazinsachen und hat ansonsten plötzlich einen Haufen Probleme am Hals. Seine Frau (CANDICE BERGEN) will sich selbstverwirklichen, will frei sein, um ihren Traum als Sängerin realisieren zu können. Bevor sie das Weite sucht, haut er aus der häuslichen Gemeinschaft ab. Nach den geraumen Jahren an Ehe sieht er sich Phil nunmehr mit dem Alleinsein konfrontiert, muss sich umtun und aufmachen, um mit “anderen“ Menschen in Kontakt und Berührung zu kommen. “Ich habe mich seit acht Jahren nicht mehr verabredet entschuldigt er sich bei Marilyn (JILL CLAYBURGH), die ihm durch Bruder und Schwägerin „ermittelt“ wurde. Man mag sich, hat aber einige Mühe, gerade deshalb miteinander klarzukommen.

Marilyn will sich nach einigen herben Enttäuschungen nicht mehr‘ binden, ist aber einer Beziehung nicht abgeneigt. Sie bemüht sich, ihre Unabhängigkeit durch einen Selbstverteidigungskurs zu demonstrieren, während Phil sich in eine Selbsterfahrungsgrupe geschiedener Männer (unterschiedlichen Alters) begibt. Die ersten Schritte der beiden sind denn auch dementsprechend unsicher, kratzbürstig und voller Missverständnisse. Entscheidend sind nicht die „großen“ Schwierigkeiten. Es gibt keine dramatisch aufgeputzten Szenen, das riesige Geschlechter-Duell findet nicht statt. Vielmehr sind es die eher alltäglichen, „normalen“ Details auf die es Regisseur Pakula ankommt: das Gehen, die Sprache, die Berührung. Die Suche nach der eigenen Identität. Ein dabei sehr leiser Film. Regisseur Alan J. Pakula, bei uns seit „Pookie“, „Klute“ und „Zeuge einer Verschwörung“ geschätzt, setzt nicht auf Gängiges, sondern inszeniert Stimmungen, die immer genau das bringen, was man gerade nicht erwartet. Kümmert sich um einen männlichen Emanzipationsversuch, ohne das aus dem Betroffenen daraus ein “umgekehrter“ Held wird. Tragikomisch-amüsant spielt er Merkmale zwischenmenschlicher Bestandteile hervor, ohne Geschehen wie Personen zu denunzieren, Pakula trifft Ton- wie Bildlage mit Kopf und Bauch (Kamera: Sven Mykvist) und bleibt mit ironisch-spielerischem Lächeln ganz nah an seinen Personen, die in den seltensten Momenten ihr “Handwerk“ verstehen. Reynolds beeindruckt, wie er gegen sein Image antritt, während Clayburgh (“Ein entheiratete Frau“) von faszinierender Ausstrahlung ist.

“Ein Goldfisch an der Leine“ von Howard Hawks (USA 1963) kam mir einige Male ins Gedächtnis, den haben Cineasten auch erst nach 10 Jahren begriffen (= 4 PÖNIs).