Augen des Engels Kritik

DIE AUGEN DES ENGELS“ von Michael Winterbottom (GB/Italien/Spanien 2013/2014; B: Paul Viragh; K: Hubert Taczanowski; M: Harry Escott; 101 Minuten; Start D: 21.05.2015); manchmal schützt der gute Name eines Regisseurs einen schlechten Film. MICHAEL WINTERBOTTOM, 54jähriger Brite und neben Ken Loach und Mike Leigh einer der bedeutendsten Filmemacher des Königreichs, mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet (u.a. „Goldener Berlinale-Bär“-Gewinner für „In This World“/2003), befasst sich in seinem neuen Werk – zunächst – mit einem der spektakulärsten Kriminalfälle der letzten Jahre. Die amerikanische Studentin Amanda Knox war angeklagt, im November 2007 als Austauschstudentin, gemeinsam mit einem Kommilitonen, im italienischen Perugia ihre WG-Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet zu haben. In den Medien wurde die Angeklagte, ob ihres attraktiven Aussehens und ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz, bisweilen als dämonischer „Engel des Todes“ bezeichnet. Amanda Knox wurde zunächst für schuldig befunden, bevor sie schließlich, nach mehrmaligen Prozessen, im März 2015 endgültig freigesprochen wurde.

Für „Die Augen des Engels“ ist dieser Prozess der Ausgangspunkt. Dieser völlig überkandidelte Medien-Hype um die Angeklagte. Wie die Presse-Meute sich auf sie stürzt. Wie sich die Berichterstattung monströs ausnimmt: Motto: Wenn „der brüllende Boulevard“ die Berichterstattung (an-)führt. Michael Winterbottom aber nimmt diese Hysterie um diesen „speziellen Kriminalfall“ zum Anlass, um einen Autoren-Filmemacher namens Thomas Lang (DANIEL BRÜHL) ins Gespräch zu bringen. DER kommt an den italienischen Prozessort, um für einen Filmstoff über diesen Fall und „diese“ Angeklagte zu recherchieren. Trifft auf eine (attraktive) Journalistin, Simone Ford (KATE BECKINSALE), die bereits ein Buch über diesen Mammutprozess geschrieben hat und Thomas helfen soll, die Struktur für ein Drehbuch zu entwickeln. Doch DER verhaspelt sich zunehmend. Weiß nicht, wie er an das neue Projekt herangehen soll und überhaupt will und verzettelt sich auf der vermeintlichen Suche nach der wahren Wahrheit. Der doch eigentlichen Aufgabe eines Filmemachers. Wie es deutlich heißt. Stichworte: Eine Affäre mit einer „leckeren“ Studentin (Model CARA DELEVINGNE), Alkohol und Drogen und mehr und mehr Existenz(nach)fragen. Private wie berufliche: Schließlich will er lieber einen Liebesfilm drehen.

„Mich interessieren Menschen, die ungewöhnlich nah an ihre Geschichten herangehen“, erklärt Michael Winterbottom im Interview („Berliner Zeitung“/16./17.5.2015). Und: „Das Leben ist voller ungeplanter Vorkommnisse“. Der Wahrheit also auf die Spur(en) zu kommen, ist einmal mehr sein Bestreben. Leider vertut sich der Regisseur (zuletzt: „The Look Of Love“) in diesem Wunsch. Einerseits in der leider nur oberflächlichen Betrachtung dieses außergewöhnlichen zeitgenössischen Kriminalfalles, der ihn nur am Rande interessiert. Nur als Auslöser gedacht ist, um zu seinem Hauptanliegen, zu seinem beabsichtigten intellektuellen Erzählpfad zu wechseln: Einen Filmemacher in der Ich-, Sinn- und Schaffens-Krise zu charakterisieren. Daniel Brühl als Thomas Lang-Bruder im Regisseur-Geiste. Was dem Film letztlich nicht bekommt. Ein Wirrwarr der Situationen und Gefühle entsteht, die emotionale und stringente Bindung bleibt auf der Strecke, und allzu glaubhaft wirken die Mosaiksteine und Statements in Sachen Befindlichkeiten eines Künstlers auf der Suche nach Sich-Selbst auch nicht. Der Film kriegt keinen Schwung. Pendelt zäh zwischen Zynik-Thrill und der psychischen Zerrissenheit eines Midlife-Crisis-Kandidaten.

„Die Augen des Engels“, der neue Michael Winterbottom-Film (= 2 PÖNIs).