Angels’ Share Kritik

ANGELS’ SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE ENGEL“ von Ken Loach (GB/Belg/Fr/It 2011; 101 Minuten; Start D: 18.10.2012); „Freiheit und Whisky gehören zusammen“ (Robert Burns / schottischer Schriftsteller; 1759-1796). Angels’ share, auch Angels’ dram, übersetzt etwa „Engelsanteil“ bzw. „Schluck der Engel“, ist ein Begriff aus der Whisky-Brennerei. Bezeichnet d e n (etwa zweiprozentigen) Alkoholanteil des schottischen Nationalgetränks, der im Laufe seiner Lagerung aus dem Fass verdunstet.

Mit Whisky hat der werdende Jung-Papa Robbie (Paul Brannigan) – zunächst – aber nichts am Hut. Wie auch. Derzeit steht der junge Hitzkopf aus Glasgow wieder einmal vor dem Richter. Wegen einer üblen Schlägerei. Mit und in großer Wut hat er einen jungen Mann halb blind vermöbelt. Dabei würde der schmächtige Arbeitslose Robbie „gerne wollen“, wenn er denn nur die Chance bekäme. „Anders“ zu sein. Um nicht doch immer abzurutschen. Freundin Leonie (Siobhan Reilly) jedenfalls setzt ihm eine letzte Frist. Entweder „geradeaus“ oder Beziehungsfeierabend. Denn diesmal braucht er nicht in den Knast, sondern bekommt nochmal eine Chance. Stichwort: Ableistung von Sozialstunden. Wie seine „schlichten“, ebenso „versauten“ Kumpels auch: Albert, Rhino und Mo, das einzige Mädel in diesem Viererclub. Der gutmütige Sozialarbeiter Harry jedenfalls (vortrefflich „rund“: JOHN HENSHAW) nimmt sie allesamt unter seine Fittiche. Besonders Robbie, um dessen „guten Kern“ zu fördern. Um ihn endlich „gesellschaftsfähig“ „zu drehen“. Was sich aber in dessen sozialem Umfeld, mit den vielen aggressiven Problemen, als schwierig erweist. Doch keinesfalls unmöglich. Denn Robbie zeigt sich auch als intelligent-pfiffiger, sensibler Bursche. Wie sich bald herausstellen soll. Im „Umgang“ mit Whisky. Harry nimmt die Clique mit zu einer Destillerie. Und bringt so den Bengel „auf den Geschmack“. Als Whisky-„Sommelier“. Von wegen seiner „ausgeprägten“ Nase. Aber auch zur Erkenntnis, dass mit diesem kostbaren teuren „Nass“ ein profitables Geschäft vielleicht zu erreichen ist. Wenn alle mitmachen. Was bei „dieser Truppe“ bestimmt nicht einfach sein kann. Und ist.

Du hat keine Chance, also nutze sie: Der inzwischen 76jährige britische Regisseur KEN LOACH, bekannt, geschätzt, oft ausgezeichnet für seine vielen großartigen Sozialdramen („“Kes“; „Family Life“; „Riff-Raff“; „Raining Stones“; „Ladybird Ladybird“, „The Wind That Shakes the Barley“/“Goldene Palme“ von Cannes 2006), ist weiser geworden. Half er zuletzt einem fußballbegeisterten Briefzusteller seine Lebenskrise über den ehemaligen Fußballstar Eric Cantona in „Looking for Eric“ süffisant zu bewältigen (2009), so balanciert er hier zwischen sozialem Real-Drama um Unterschichten-Typen im heutigen Glasgow und solidarischem Milieu-Märchen. Mit dann „feinsinniger“ krimineller Energie. Angesiedelt zwischen authentisch und atmosphärisch. Geprägt von Humanismus. Und schwarzkomischer Ironie. Mit ehrlichen, also vergnüglichen wie zu-treffenden, heftigen Schmerz-Gefühlen. Ohne heldischen Heiligenschein, ganz im Gegenteil: Wenn sich Robbie seinem letzten geschädigten jungen Opfer in einem angeordneten Gespräch stellen muss, ist der Kloß im Hals bei allen, auch bei den Zusehenden im Kinosaal, enorm. Eine ganz starke, wichtige Szene. Die unter die Haut geht.

Vor allem auch, weil Ken Loach ja nicht nur mit Schauspieler-Profis, sondern auch mit Laien, „Betroffenen“, gerne zusammenarbeitet: Sein Hauptakteur und Leinwand-Debütant PAUL BRANNIGAN blickt auf eine „artverwandte“ Vergangenheit zurück wie seine Filmfigur. „Benimmt“ sich als Robbie darstellerisch nicht nur imponierend geschickt, sondern auch absolut natürlich. Glaubhaft. Überzeugend. Ein spannender Normaltyp. Während wir Nicht-Whisky-Kenner schließlich auch lernen: „Whisky ist nichts, was man nur hinunterkippt, um sich abzuschießen. Er ist etwas, das man auskostet“ (Ken Loach). Was nachzuempfinden ist.

„Angels’ Share“ ist ein köstlicher Außenseiter-Streich (= 3 ½ PÖNIS).