All Is Lost

ALL IS LOST“ von J.C. Chandor (B + R; USA 2012; K: Frank G. DeMarco; Unterwasser-K: Peter Zuccarini; M: Alex Ebert; 106 Minuten; Start D: 09.01.2014); das Drehbuch umfasste nur 31 Seiten; der Film war mit 8,5 Millionen Dollar eher „klein“ für einen Hollywoodfilm budgetiert, in dem der zweifache „Oscar“-Preisträger ROBERT REDFORD, 76 damals, die Hauptrolle spielt. Solo. Das heißt – es gibt nur IHN hier, der im Abspann als „Unser Mann“ bezeichnet wird. Kein Name, keine Identität, keine Charakterisierung. Kein Woher. ER auf dem Meer. Mitten im Indischen Ozean. Alleine auf und in seiner 12 Meter langen Segelyacht. Mit Namen „Virginia Jean“. Warum er, der in die Jahre gekommene Typ, hier alleine herumsegelt, keine Erklärungsahnung. Es ist halt so. Die imposante Yacht spricht für einen älteren Geld-Mann, aber das ist Vermutung. Denn der Kerl spricht ja auch nicht. Gut eingangs, diese paar merkwürdigen, nach Abschied klingenden Worte, von „Es tut mir leid“ über „Ich habe alles versucht“ bis „Es tut mir leid“, ansonsten aber schreit er an einer Stelle ein lautes, dringliches „Fuck“ einmal und gibt woanders einen verzweifelten SOS-Ruf von sich. Mehr „Sprache“ kommt nicht. „All Is Lost“ ist Action zum Denken. Und Mitbibbern. Faszinierend, packend, unaufhörlich angehend. Der alte Mann und das Meer. Ein ungleiches Duell.

Ein Krach, ein Bersten. Signale von „Störung“. Schädigung. Beschädigung. Ein „herumirrender“ feuerroter Stahlcontainer hat es ausgerechnet auf sein Schiff abgesehen. Hat sein Schiff gerammt. „Erwischt“. Der Rumpf an der Steuerbordseite ist ein großes Stück offen. Wasser ist eingedrungen. Die Elektrik ist futsch. Navigation und Funkgerät funktionieren nicht mehr. Besonnen macht sich unser Mann an die Reparaturarbeit. Scheint ihm auch zu gelingen. Doch natürlich befindet er sich bereits mittendrin. Und buchstäblich – in einem riesigen Sturm. Dagegen ist der erste Unfall eine Kleinigkeit. Gewesen. Denn jetzt geht es direkt ans Eingemachte. ER oder ES. Das aufgebrachte Wasser. Die wütende Natur. Aber ER weiß sich immer zu helfen. Geht bis an seine körperlichen Grenzen. Und als seine Yacht völlig demoliert ist, zieht er sich auf das Rettungsschlauchboot zurück. Irgendwann sollte doch irgendwer, irgendjemand, vorbeikommen. Der Überlebenswille ist immer vorhanden. Unser Mann gibt nicht auf. Und wir sehen ihm dabei aufgelöst zu. Wünschen, hoffen, bangen mit ihm. Und als dann tatsächlich dieses gewaltige Containerschiff „Maersk Sowieso“ vorbeirauscht, (ist dies nicht das gekaperte Ami-Containerschiff aus dem Paul Greengrass-/Tom Hanks-Thriller „Captain Phillips?), scheint Rettung nahe. Scheint aber auch nur. Die Kräfte bei unserem Mann schwinden. Zunehmend. Zumal man ihm auch „unter Wasser“ nicht mal „Nahrung“ gönnt. Die Natur scheint hämisch zu grinsen. Von wegen – wer hat, wenn es denn darauf ankommt, wirklich das letzte Sagen. Auf unserem ach so zivilisierten und zugerichteten Planeten. Auf dem sich „Mensch“ so überlegen glaubt.

Meine Güte, ist das GUT aufregend. Gedacht, gemacht. Wirkend. Der „kleine“ Mensch gegen die gigantische Gewalt der Natur. Der Stürme. Des Wassers. Der Meeres-Bewohner. Du kannst mit bester Technik, umfangreichem Wissen, kräftiger Statur „ausgestattet“ sein und hantieren und bist doch eher ein unscheinbarer Kosmos-Korn. Lächerlich geradezu in deinem Bemühen, Havarien des Lebens zu bekämpfen. Zu korrigieren. Zu besiegen. Du bist schlicht und einfach „Our Man“. Warum bist du, alter Kumpel, auch nicht zu Hause geblieben, hast es dir gemütlich gemacht in deinem sicherlich abgesicherten Da-Sein und abgewartet? Stattdessen musstest du alleine auf die See hinaus. Für was? Wollst du dich nochmal selbst beweisen? Oder war es nur die Erfüllung eines lang geplanten Abenteuers? Weg von allen und vor allem – von den Menschen? Endlich mal nur für sich sein? War es das? Nur für sich zu sein? Gute Luft, Lesen, nicht Reden-Müssen? Nichts erklären müssen? Die Banalitäten des Alltäglichen endlich mal hinter sich zu lassen? Zu überwinden? Inmitten der Ruhe des Ozeans? Zum guten Lebensschluss nochmal ein „normales“ tollkühnes Stück Wagnis? Als letzte Herausforderung? Verdammte Scheiße – dieses Schicksal.

ROBERT REDFORD, geboren am 18. August 1936 im kalifornischen Santa Monica, ist für solche Lonesome-Typen prädestiniert. In einem seiner besten Filme tauchte er 1972 als zivilisationsmüder Trapper in dem Western-Meisterwerk „Jeremiah Johnson“ von Sydney Pollack fulminant auf. 1979 war er bei Sydney Pollack als „Der elektrische Reiter“ hyper-aktiv, indem er sich als abgewrackter Rodeo-Reiter vehement für ein misshandeltes Edel-Pferd einsetzte. Und als „Der Pferdeflüsterer“ hatte er 1988 weitaus mehr Sympathien für die Natur und seine Tiere als für Menschen. Nun ist er angekommen. Im darstellerischen Olymp. Diese riesige Bühne, volle und dauer-spannende 106 Minuten, einschließlich Nachspann, mit diesem hinreißenden Song „Amen“ vom US-Singer-Songwriter ALEX EBERT („Edward Sharpe and the Magnetic Zeros“), und nur ER. Er ist überwältigend, WIE er diese Solo-Performance unaufgeregt begeisternd ständig zu füllen versteht. WIE er diesen Draht zu uns, dem Publikum, hinbekommt. Herzustellen versteht. So dass wir uns an seiner Seite befinden. Mit all dieser vielschichtigen und außerordentlich spannenden philosophischen und existenziellen Denk-Wucht. „All Is Lost“ ist ein prächtiger, hochemotionaler Denk-Thriller. Ausgedacht und inszeniert vom gerade 40 gewordenen Jeffrey C. „JC“ Chandler, einem früheren Werbefilmer, der 2011 mit seinem Debütfilm „Der große Crash – Margin Call“ (s. Kino-KRITIK), mit Kevin Spacey und Jeremy Irons in den Hauptrollen, für wortreiche Spannungsfurore sorgte und damals gleich für sein Original-Drehbuch mit einer „Oscar“-Nominierung bedacht wurde. Hier hat er sich aus den scharfen pointierten Wortgefechten verabschiedet und verlässt sich ausschließlich auf seine – sagenhaft beeindruckenden – Bilder (von seinen beiden Top-Profi-Kamera-Assen über und unter Wasser) und auf diesen phänomenalen Hauptakteur-Edelsolisten Robert Redford (= der erste Darsteller-„Oscar“ winkt). Ergebnis: Die volle grandiose (Mit-)Wirkung.

„ALL IS LOST“ ist ein mutiges, großartiges Seh- und Fühl-Erlebnis. Ist ein GANZ GROSSES Kino-Ereignis! (= 4 ½ PÖNIs).