Abenteuer von Tim und Struppi Kritik

DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI – DAS GEHEIMNIS DER EINHORN“ von Steven Spielberg (USA 2009-2011; Mit-Pr.: Peter Jackson; 107 Minuten; Start D: 03.11.2011); ist ein Lieblingsprojekt des am 18. Dezember 2011 65 Jahre alt werdenden großen „Phantasten“ und erfolgreichsten Regisseurs aller Zeiten („Der weiße Hai“; „E.T.“; „Jurassic Park“). Dass diese 140 Millionen Dollar-Produktion zuerst in Europa, sprich kürzlich in Brüssel, welturaufgeführt wurde (Weihnachten ist in den USA der Start), wundert nicht, denn die beiden Haupt-Helden stammen schließlich aus der Feder des belgischen Comic-Autoren und –Zeichners Georges Prosper Remi, besser bekannt als HERGÉ (22.5.1907-3.3.1983). Dessen Pseudonym sich aus seinen französisch ausgesprochenen und umgedrehten Initialen „RG“ ergibt. DER lange, SEHR lange vor den Zeiten von globalen Abenteurern wie OO7-James Bond, Dr. „Indy“ Jones oder eines Ethan Hunt („Mission: Impossible“) einen einheimischen Reporter „ohne Redaktion“ mit wehendem Trenchcoat und einem kleinen weißen pfiffigen Hund an seiner Seite, einem Foxterrier, um die ganze Welt schickte, um sie die haarsträubendsten Abenteuer erleben zu lassen.

Am 10. Januar 1929 erblickten sie das Licht der Papier-Welt, in der Jugendbeilage „Le Petit Vingtième“ der katholischen Tageszeitung „XXiéme Siècle“, und durften gleich einmal nach Russland reisen („Tim & Struppi im Land der Sowjets“). Der Erfolg war gigantisch. Die Auflage der Zeitung versechsfachte sich donnerstags, wenn die Beilage erschien. Danach war der Erfolgsweg dieser beiden Kumpels nicht mehr aufzuhalten. Tintin alias Tim und sein treuer Begleiter wurden zu einem Exporthit des Königreichs und zum belgischen Nationalheiligtum. Und waren quasi „überall“ zu finden; sowohl in Südamerika wie auch in China oder in Afrika. Und, schon 1950, sogar auf dem Mond („Schritte auf dem Mond“). In 47 Herstellungsjahren entstanden 23 Comic-Bände um diesen stupsnasigen Rotschopf mit der berühmten Haartolle und seinen fröhlichen Hunde-Begleiter. Rund 230 Millionen Comic-Exemplare wurden bislang weltweit verkauft; und die dazugehörigen Übersetzungen erfolgten in mehr als 77 Sprachen. „Spezis“ dieser Reihe, die sich ausführlich mit den Beiden befassten/befassen, werden auch TINTINOLOGEN genannt, nach dem belgischen Originaltitel der Serie.
Filmisch hatte sich über die Jahrzehnte mit diesen Helden „nichts Sonderliches“ getan: Es gab einen belgischen Puppen-Animationsfilm (1947), zwei längere belgische Zeichentrickfilme fürs Kino und das Fernsehen (1969 + 1972), eine französisch-kanadische TV-Zeichentrickserie mit 39 Folgen zwischen 1991 + 1993 sowie auch zwei französische Realfilme „ohne Nachhall“ (1961/1964).

Steven Spielberg und Peter Jackson („Der Herr der Ringe“) planen abwechselnd, „Tim & Struppi“ gleich dreifach neu aufzulegen. Auf der riesigen Leinwand. Spielberg hat vorgelegt, mit Jackson als Co-Produzenten; Jackson wird beim Folgefilm Regie führen, mit Spielberg als Produzenten. Falls alles gut geht. Für den ersten Kinofilm, natürlich im modischen 3 D herausgeputzt, benutzten Spielberg und seine Drehbuch-Autoren Steven Moffat, Edgar Wright & Joe Cornish die drei Bände „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ (von 1941), „Das Geheimnis der ´Einhorn´“ (1942) sowie „Der Schatz Rackhams des Roten“ (1943). Ausgangspunkt: Tim kauft auf dem Flohmarkt ein altes Schiffsmodell. Hinter DEM plötzlich auch allerlei finstere Gestalten her sind. Motto: Und bist du nicht willig und verkaufst uns das Modell, dann eben mit Gewalt. Tim ist aufgescheucht, ein neues Abenteuer winkt. In dem es um eine verschlüsselte Botschaft im Innern des Schiffsmodells ebenso geht wie dann um einen sagenumwobenen Schatz. DEN es zu erobern gilt. Neben Tim & Struppi mischt auch der beinahe ständig besoffene, oft unbeherrschte, etwas schlichte, öfters aufbrausende, aber dann auch schon mal alkohol-deprimierte Kapitän Haddock mit. Dessen Urahn schon gegen den Oberschurken Sakharin kämpfte und der sich dann doch zusammenreißt, um hier letztlich grandios fightend doch mitzumischen.

Spielberg ist die Story eigentlich nicht so wichtig. Auch nicht, für eventuelle Comic-Nichtkenner, die charakterliche Einführung der Figuren. Für ihn geht es gleich in die bombastischen Vollen. Mi furiosen Verfolgungsjagden per Auto, Motorrad, per Flugzeug und Schiff. Dabei kann er die „volle Fantasy“ ausleben, denn der Film wurde quasi menschen-gezeichnet. Mit dem sogenannten „Motion Capture“-Verfahren. Also keine reine Zeichnung-pur, sondern: Schauspieler werden in Anzügen mit reflektierenden Punkten an Computer angeschlossen, die dann ihre Bewegungen, Reaktionen analysieren und übernehmen. Der Rest ist dann komplizierte Technik-, sprich Computer-„Spielerei“. Technisches Handwerk. Wie einst schon zum Beispiel bei „Der Polarexpress“ (2004/von Robert Zemeckis; mit dem 7fachen Tom Hanks). So dass die Figuren dann „wie echt“ aussehen. Sollen. Sollten. Lebensecht. Identifizierbar. Mit Haut und Haaren. Und Charakter. Und hier liegt die Crux. „Tim & Struppi“, das sind weder Fisch noch Fleisch. Bleiben fremd. Gefühlt fremd. Beide. Tim wie Struppi. Sehen „dennoch“, wirken „dennoch“ unwirklich, künstlich, halt zu sehr doch „gemacht“ aus. Besitzen wenig emotionale Nähe. Zuseher-Verbindung. Kommen mehr als seelenlose „Puppen“-Gesellen ´rüber, mit denen „sich voll anzufreunden“ kaum möglich ist. Da ist man mehr schon an dieser grantigen, kantigen Neben-Hauptfigur, dem alkoholkranken Käpt’n Haddock, dran. Denn der besitzt (unfreiwillig?) mehr „stürmisches Individual-Leben“ als die eigentlichen Helden, also Herr mit Hund. „Bewegt“, „beunruhigt“, interessiert weitaus mehr als diese beiden herzigen Titel-Typen.

Warum aber Steven Spielberg unbedingt SO naturalistisch werkeln wollte, wird nicht verständlich. Sein Werk riecht ver- bzw. zerkonstruiert. Vor allem in den erzählenden Momenten. Motiven. Da „hakt“ das Interesse, die spannende Anteilnahme beträchtlich. Weil auch ziemlich humorfrei. Ohne zündende Ironie. Faktisch sachlich, so etwa nur. Während die optische, die visuelle Performance in den gigantischen Verfolgungsszenen brillant ist. Faszinierend. Da lassen Spielberg & Team ihre technischen Fähigkeiten sich voll entfalten. Da wird die Trick-Show zum totalen Highlight. Mit überbordender Phantasie. Herrlich. Die volle Krawall-Tour auf dem Jahrmarkt.
Und die „Schauspieler“?: JAMIE BELL (unvergessen als „Billy Elliot – I Will Dance“/2000) stellte sich für Tim zur Verfügung. ANDY SERKIS, unlängst in „Planet der Affen – Prevolution“ primatenmäßig stark unterwegs, gibt den Suffkopp Haddock mit charismatischer Robustheit. „Bond“ DANIEL CRAIG ist als Bösewicht Iwan Iwanovitsch Sakharin nur sprachlich (über seine deutsche Stimme Dietmar Wunder) zu erkennen. Als Schurke „von der Stange“. Der Ensemble-Rest, wie das verblödete Polizisten-Paar Schultze & Schulze (SIMON PEGG & NICK FROST), besitzen (sehr) viel Charme- und Ironie-Defizite.

Fazit: Da war bei dermaßen viel Planung, Anstrengung und Spielberg´scher Fan-Leidenschaft MEHR drin als nur dieses Na Ja-Okay-Unterhaltungsergebnis (= 3 PÖNIs).

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