24 Wochen Kritik

24 WOCHEN“ von Anne Zohra Berrached (Co-B + R; D 2015; Co-B: Carl Gerber; K: Friede Clausz; M: Jasmin Reuter; 103 Minuten; Start D: 22.09.2016); der heiß diskutierte diesjährige deutsche Berlinale-Wettbewerbsfilm. Zu dem informative Fakten wissens-notwendig sind: In Deutschland ist es möglich, ein krankes oder behindertes Kind bis kurz vor der Geburt abzutreiben. „In der Bundesrepublik tun das nach der 12. Woche über 90 Prozent der Frauen, bei deren Kind eine Fehlbildung diagnostiziert wurde“, erklärt im Presseheft die am 31. Juli 1982 im thüringischen Erfurt geborene diplomierte Sozialpädagogin (Schwerpunkt Psychologie), Theaterpädagogin und Filmemacherin Anne Zohra Berrached. Die ab 2009 Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studierte, im dritten Studienjahr ihren ersten Spielfilm „Zwei Mütter“ realisierte, der 2013 auch schon bei der Berlinale lief, und die jetzt ihren zweiten Spielfilm im Kino anbietet.

Ab zirka der 24. Schwangerschaftswoche ist ein Kind außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig. Astrid Lorenz (JULIA JENTSCH) steht als Kabarettistin voll im Erfolgssaft, ihr Ehemann Markus (BJARNE MÄDEL) managt sie. Beide freuen sich auf ihr zweites Kind. Als sie bei einer Routineuntersuchung erfahren, dass ihr Kind schwer krank ist / sein wird, beschließen sie, „damit“ umgehen, sich „diesbezüglich“ umfangreich vorbereiten zu wollen. Das Schicksal annehmen zu wollen. Dann aber kommen die vielen Gedanken. Und Zweifel. Mehr bei Astrid als bei ihrem Partner. Beide begreifen, dass sie eine Entscheidung über Leben und Tod treffen müssen, die ihnen niemand abnehmen kann. Deren Entscheidungsfolgen sie ganz alleine tragen müssen. Doch sie sind sich uneins.

„24 Stunden“ geht ans seelisch Eingemachte. Ist ernsthaft recherchiert, die Co-Drehbuch-Autorin und Regisseurin hat erfahrene Mediziner mit ins Boot genommen, um nicht spekulativ zu argumentieren. Zu erzählen. Dabei entsteht eine Dichtheit und An-Spannung, die in der letzten Stunde für eine sehr nachdenkliche Gänsehaut sorgt. Motto: Wie würde man selbst in solch einer Situation denken? Empfinden? Letztlich handeln? Was ist „richtig“? Was „falsch“? Wohlwissend, dass es hierfür eine „korrekte“, endgültige Antwort einfach nicht geben kann. Und dennoch eine Entscheidung getroffen werden muss.
„Mich interessiert der moralische Konflikt als Ergebnis unserer modernen medizinischen Welt“ (Anne Zohra Berrached im Presseheft).

Ein Spiel- kein Dokumentarfilm. Mit viel äußerer wie natürlich außerordentlich innerer Bewegung. Unterhaltsam, weil wunderbar sensibel hauptrollen-besetzt mit der großartigen JUILIA JENTSCH (2005 mit dem „Deutschen Filmpreis“ ausgezeichnet für ihre Rolle in und als „Sophie Scholl“; 2009 in und als „Effi Briest“ brillant). Als Astrid offenbart sie überwältigend-glaubhaft sämtliche Facetten einer verzweifelten Entscheiderin über Leben oder Tod. Ihr nimmt man die Qualen ab. Ob man die Entscheidung ihrer Astrid akzeptiert, ist eine ganz andere Frage. Der Film verbietet sich eine moralische oder weltanschauliche Be-Wertung. Die muss der Zuschauer für sich alleine treffen. Wie auch die Astrid Lorenz hier.

„24 Wochen“ ist ein aufwühlender starker Film (= 4 PÖNIs).