360 Kritik

360“ von Fernando Meirelles (GB/Ö/Fr/Brasilien 2011; B: Peter Morgan; 110 Minuten; Start D: 16.08.2012); der 56jährige brasilianische Regisseur startete seine internationale Karriere 2002 mit seinem brutalen „Heimatfilm“ „City of God“, der weltweit mit über 50 Preisen bedacht sowie vierfach für den „Oscar“ nominiert wurde (darunter auch in der Kategorie „Beste Regie“). Ebenso erfolgreich war 2005 seine John Le Carré-Roman-Adaption „Der ewige Gärtner“ (mit Ralph Fiennes), die ebenfalls viele internationale Auszeichnungen bekam, abermals vier „Oscar“-Nominierungen einheimste und Hauptdarstellerin Rachel Weisz die begehrte Trophäe einbrachte. 2008 eröffnete Fernando Meirelles mit seinem Werk „Die Stadt der Blinden“ den Wettbewerb der 61. Filmfestspiele von Cannes.

Der britische Drehbuch-Autor PETER MORGAN, 49, zählt zu den renommiertesten Film-Autoren. Für seine Drehbücher zu hervorragenden Filmen wie „Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht“, „The Queen“ (beide 2006) sowie „Frost / Nixon“ (2008) erhielt er „Oscar“-Nominierungen sowie weitere internationale Preise. Peter Morgan bezieht sich als Drehbuch-Autor für diesen Film auf einen klassischen wie einst skandalträchtigen Bühnenstoff: „REIGEN“ von Arthur Schnitzler. Als am 23. Dezember 1920 am „Kleinen Schauspielhaus“ in Berlin die Uraufführung stattfand, führte sie zu einem der größten Theater-Skandale des 20. Jahrhunderts. Denn in dem Stück geht es, anhand von zehn „Fallbeispielen“, um die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ (Jenny Hoch: „Vögelei mal zehn“/“Spiegel.de“). In allen sozialen Schichten der Gesellschaft. Beginnend mit der Dirne und dem Soldaten, dem Soldaten und dem Stubenmädchen, dem Stubenmädchen und dem jungen Herrn, dem jungen Herrn und der jungen Frau….bis hin zum Grafen und der Dirne. Was damals als „ungeheuerlich“ galt.

Personelle Figuren-Ähnlichkeiten hier. Die Slowakin Mirka beschließt, sich in dem Callgirl-Ring eines schmierigen österreichischen Loddels „einbinden“ zu lassen. Ein britischer Geschäftsmann „bucht“ sie in Wien, nimmt aber dann doch Abstand. Derweil gibt seine Ehefrau in London ihrem brasilianischen Lover den Laufpass. Doch auch dessen Freundin hat sich von ihm soeben wegen seiner ständigen Untreue verabschiedet. Befindet sich auf der Heimreise nach Rio und begegnet im Flugzeug einem älteren Herrn. Der seit Jahren seine verschwundene Tochter sucht. Mit dem strandet sie wegen des schlechten Wetters in Denver. Wo gleichzeitig auch ein kürzlich entlassener therapierter Sexualstraftäter auftaucht, mit dem die junge Brasilianerin „in Kontakt“ kommt. Phoenix, Paris und schließlich wieder Wien lauten die weiteren Stationen auf diesem Reigen der Leute wie Orte. In dem namhafte Akteure wie JUDE LAW, RACHEL WEISZ, BEN FOSTER, JAMEL DEBBOUZE sowie Sir ANTHONY HOPKINS und auch MORITZ BLEIBTREU (als unappetitlicher deutscher Geschäftspartner von Jude Law) sich die Ehre und Stichworte geben.

Mal sinnlich, mal zärtlich, mal hysterisch. Mal spannend, mal lau. Mal mit exquisiter Verbalstärke, mal mit raffinierter Körpersprache. Mal clever, mal fade. Mal gescheit, mal doof. Vor allem im letzten kriminalistischen Detail sogar richtig unscharf. Plump konstruiert wirkend. Bisweilen schaut dies wie ein schelmisches Menschenstück, dann wieder wie ein läppischer Telenovela-Happen am TV-Nachmittag aus. Mal ist Wohlfühlen, mal Abtauchen annonciert. „360“ ist trotz vielem Promi-Mitmachen ein Film á la weder Fisch noch Fleisch. Kann man, muss man aber nicht unbedingt (im Kino) sehen (= 2 ½ PÖNIs).