Whiplash

WHIPLASH“ von Damien Chazelle (B + R; USA 2013; K: Sharone Meir; M: Justin Hurwitz, Tim Simonec; 106 Minuten; Start D: 19.02.2015); ein geiles Stück Kino; robust, stimmungsvoll, spannend. Für ein Gerademal-Budget von 3.3 Millionen Dollar von einem 33jährigen filmischen Nobody hergestellt und seit seiner Uraufführung auf dem renommierten „Sundance Festival“ im Januar 2014 weltweit über 100 x für Film- und Kritik-Preise nominiert, wovon er 41 gewinnen konnte (= lt. IMDB). Der vorläufige Höhepunkt: 5 „Oscar“-Nominierungen, darunter in den Kategorien Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch und Nebendarsteller (J. K. SIMMONS).

DAMIEN CHAZELLE: Geboren am 19. Januar 1985 in Providence, Rhode Island. Erst wollte er Jazz-Schlagzeuger in der High School werden, dann begann er sich „mehr“ für Film zu interessieren. Studierte an der Harvard Universität. 2009 entsteht sein Debüt-Spielfilm als Drehbuch-Autor und Regisseur: „Guy and Madeline on a Park Bench“. 2012 realisiert er das Short-Movie „Whiplash“, also „Schleudertrauma“, das beim 2013er Sundance Festival erstaufgeführt wurde und den Preis für den „besten Kurzfilm“ bekam. Und damit sowohl Aufmerksamkeit erreichte wie auch Finanziers anlockte. Der jetzige „große“ „Whiplash“-Film ist die abendfüllende Langversion des Kurzfilms von damals.

Er ist 19. Heißt Andrew Neiman (MILES TELLER). Ist besessen. Vom Schlagzeug. Andrew studiert an einer Musikhochschule in Manhattan. Gerät an einen unbarmherzigen Lehrer. Und Mentor: Terence Fletcher (J. K. SIMMONS; kann ruhig zweimal groß geschrieben werden, weil er hier darstellerisch wirklich GROßES leistet). Der Ausbilder sucht. Seit Ewigzeiten. Irgendwann sollte ihm ein Talent wie ein Charlie Parker-Saxophonist oder ein Spitzen-Schlagzeuger wie Gene Kruppa, Kenny Clarke oder Buddy Rich über den Leistungsweg laufen. Und DEN würde ER dann „groß“ machen. Herausbringen. Demzufolge sind die Anforderungen von Terence Fletcher enorm. An seine Band. Vor allem aber an Andrew. Der sich die Finger blutig trommelt. Aber nach Ansicht von Schleifer Fletcher nie ganz den Anforderungen genügt. Was bei Andrew zu totaler Erschöpfung und Auflösungserscheinungen führt.

Es ist ein Macht-Spiel. Ich Herrscher, Entscheider, Du Unerfahrener. Hast dich zu fügen. Jeglicher Widerspruch, mögliche Einwände, sind nicht gestattet. Willkürlich mixt der diktatorische und mit sadistischem Appeal ausgestattete Fletcher Tadel und Lob, Erniedrigungen, Beleidigungen, Demütigungen. Um Andrew anzustacheln. Noch mehr zu fordern. Beziehungsweise zu „fördern“. Denn er sieht und spürt es, Andrew will „siegen“. Um jeden Qual-Preis. Also übt er bis zur Selbstaufgabe. „Legt“ sogar die Freundin ab, um noch mehr verbissen trommeln zu können. Der Junge ist wie von Sinnen. Bis er irgendwann völlig kaputt ist. „Aufwacht“. Das Finale ist irre. Furios. Atmosphärisch. Begeisternd. Der Wahnsinn kriegt Methode.

MILES TELLER, bisher in Filmen wie „Footloose“ (der Neuverfilmung von 2011) oder „21 & Over“ nicht aufgefallen, gibt den Drummer-Boy als exzellenten Stichwortgeber für einen der bekanntesten NEBENDARSTELLER Hollywoods: J. K. SIMMONS, Jahrgang 1955. Er war der Boss von „Spiderman“ Peter Parker in der Sam Raimi-Trilogie des Spinnenmannes. War in den köstlichen wie hochkarätigen Independent-Werken „Thank You for Smoking“, „Juno“ und „Up in the Air“ mit dabei. Und… und… und: Sein Gesicht ist bekannt, nun wird es endlich auch sein Name. Wie er hier den brutalen Band-Leader Terence Fletcher formuliert und körpersprachlich ausdrückt, ist erste atmosphärische Spannungssahne. Vor diesem Kerl kriegt man richtig Angst, so stark ist er. In seinem diabolischen Gut-Ausdruck. Während die jazzigen Rhytmen schweißtreibend abfetzen. Der coole Soundtrack zu „Whiplash“ besteht aus 24 Tracks in drei unterschiedlichen Teilen: Jazzstücke, die für den Film geschrieben wurden, Underscore sowie klassische Jazz-Standards von Stan Getz, Duke Ellington und prominenten anderen. Der Original Score sowie die Big Band-Songs kommen von JUSTIN HURWITZ; die Jazz-Stücke, die für den Film geschrieben wurden, stammen von TIM SIMONEC.

„Whiplash“ ist ein Musik-Thriller. Mit zum Schluss Western-Geschmack. Wenn sich „Sheriff“ und „Outlaw“ schließlich gnadenlos im Konzertsaal wie wahnsinnig duellieren. „Whiplash“ schaut sich auch teilweise wie bei der Militär-Ausbildung an: Verbale „Full Metall Jacket“-Attacken eingeschlossen. Und ruft das alte moralische Lied auf: Lohnt sich solch eine elende Schinderei, um eventuell und schließlich möglicherweise doch erfolgreich zu sein? Was ist mit den physischen wie seelischen Grenzüberschreitungen um Ansporn und Viel-Zuviel? Immer weiter fließend? Oder ist, darf, irgendwann Schluss sein mit dieser abgefuckten Ackerei? Die letztlich jedes menschliche Wesen deformiert?

Ist das ein geiles, cooles Stück Fessel-Kino. „Whiplash“ ist ein ganz heißes Außenseiter-Movie mit klasse Schleuder-Geschmack (= 4 ½ PÖNIs).

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