Wer ist Hanna? Kritik

WER IST HANNA?“ von Joe Wright (USA/D/GB 2010; B: Seth Lochhead; K: Alwin H. Kuchler; M: The Chemical Brothers; 111 Minuten; Start D: 26.05.2011); der 1972 in London geborene Regisseur zählt derzeit zu den interessantesten „Begabungen“ im internationalen Kino. Dabei hat alles mit Puppen angefangen, denn seine Eltern gründeten und betrieben einst ein Marionettentheater (das „Islington’ s Little Angel Theatre“) in der britischen Hauptstadt. Von 1991 bis 1994 studierte Joe Wright Kunst, Film und Video an der Hochschule für Kunst und Design in London und begann erfolgreich mit Kurzfilmen und TV-Serien-Arbeiten („Nature Boy“; „Charles II: The Power and the Passion“). Mit der aufwändigen Adaption von Jane Austens gleichnamigem Roman „STOLZ UND VORURTEIL“ startete 2005 die Kino-Karriere furios. Der mit Keira Knighley hauptrollenbesetzte Streifen wurde mit 4 „Oscar“-Nominierungen und mit 6 BAFTA-Awards (den einheimischen „Oscars“) bedacht. Joe Wright wurde als „meistversprechende Neuentdeckung“ bezeichnet. Sein zweiter Spielfilm „ABBITTE“, basierend auf dem gleichnamigen Roman des Briten Ian McEwan, eröffnete am 29. August 2007 der 64. Filmfestspiele von Venedig. Stand dann gleich 7 x auf der „Oscar“-Nominierungsliste (einschl. „Bester Film“ und für die 13jährige Saoirse Ronan als „Beste Nebendarstellerin“), erhielt aber „nur“ die Trophäe für die „Beste Musik“. „DER SOLIST“ war 2009 das Hollywood-Debüt von Joe Wright: Die Geschichte über den an Schizophrenie erkrankten amerikanischen Cello- und Violinenvirtuosen Nathaniel Ayers lebte von einer exzellenten Performance des „Oscar“-Preisträgers Jamie Foxx („Ray“).

Der 4. Spielfilm von Joe Wright ist eine internationale Produktion, wechselt vom Genre Drama zum Genre Action-Movie und startet in Finnland. In der Nähe des Polarkreises. Mitten in der kalten Schneewildnis des arktischen Nordens. In einer „komfortablen“ Holzhütte. Hier lebt die inzwischen 16jährige Hanna (Saoirse Ronan) mit ihrem Vater Erik Hellner (Eric Bana). Der sie über die Jahre voll ausgebildet hat: Im Jagen von Tieren ebenso wie in der notwendigen, überlebensnotwendigen Geisteshaltung. Aus Büchern, dem Lexikon sowie einer alten Ausgabe von Grimms Märchen. Wenn man später „draußen“ überleben will, muss man kämpfen. Hart kämpfen. SEHR hart. Hat ihr der ehemalige CIA-Spezialagent eingetrichtert. Und sie „entsprechend vorbereitet“.

Hanna, die wie ein unschuldiger, kleiner blonder Locken-Engel ausschaut, wie ein verlorener weiblicher Kaspar Hauser, ist zur Kampfmaschine mutiert. Ist nun „bereit“ für das „Draußen“. Für ihre Mission. Bedient den Peilsender, mit dem sie zu orten ist, und legt los. Lässt sich einfangen, während Papa aus der Ferne die Rache-Chose begleitet. Ihr gemeinsames Ziel: Die brutale CIA-Lady Marissa Wiegler (Cate Blanchett), einst Daddys Gefährtin. Mit DER haben die Beiden noch ein „Vergangenheitshühnchen“ zu rupfen. Was mit damals üblen Experimenten zu tun hat. Die Jagd kann beginnen. Auf Hanna, die natürlich auszubrechen versteht, und Erik. Dem Mitwisser, den es unbedingt „amtlich“ auszuschalten geht. Doch beide sind „vorbereitet“. Kampferprobt. Man düst über Marokko durch halb Europa. Zu uns hin. Mit Abstecher Hamburg bis nach Berlin (mit den satten Fördergeldern). Der Showdown findet im stillgelegten „Spreepark“ statt, dem hiesigen Ex-Vergnügungspark. Mit seinen „netten“ Gruselfiguren aus Plaste und Elaste.

Die erste Filmstunde ist pure, packende Neugierstunde. Man weiß nie, wohin „der Hase“ Hanna läuft. Kriegt keine Orientierung. Ist „angemacht“ dran an Story und Typen. Mit exzellenter Rätsel-Spannung. Zumal dieses „gefährliche Girlie“ Hanna so überzeugend eindringlich von (der während der Dreharbeiten 16 Jahre alt gewordenen) SAOIRSE RONAN sensibel-kraftvoll ausgeatmet wird (Vorname gesprochen „Sier-schä“, stammt aus dem Irischen und bedeutet Freiheit). Ein tolles Persönchen. Dann aber häufen sich die Logik-Löcher. Und die ziemlich einfältig inszenierten, natürlich vorhersehbaren Ballereien. Marke „Wenn Gewalt über Köpfchen siegt“. Man muss jetzt durchhalten, denn erst in Berlin darf endgültig wie plump abgerechnet werden. Bis dahin flitzt die naive Hanna durch die Welt. Hält sich zwischendurch bei einer liberalen britischen Urlauber-Family „beschützt“ auf. Staunt, begreift, verhaut zünftig, schießt sich frei, lernt irritiert küssen und verkloppt wieder und wieder die überlegenen Verfolger.

Was die rothaarige CIA-Oberhexe CATE BLANCHETT (die Katherine Hepburn aus „Aviator“/“Oscar“) immer wütender macht. Weil sie eine Scharte „von damals“ auswetzen muss und nun dabei nicht nur auf ihren längst tot geglaubten verhassten Ex-Kollegen trifft, sondern auch auf dessen „professionelle“ „Bond“-Göre. Also legt sie los. Beziehungsweise lässt angeheuerte „Experten“ von der aggressiven Leine. Wie einen dieser „typischen“, also durchgeknallten Skinhead-Jäger (TOM HOLLAND), mit Muckis, aber hirnlos. Der natürlich von der „Kleinen“ ständig gefoppt wird. Während die derben Bass-Rhytmen der Elektronik-Band „The Chemical Brothers“ zünftig dazu-wummern. Und ERIC BANA („München“ von Steven Spielberg/2005) durch U-Bahn-Stationen, Tunnel, Container-Landschaften und düstere Schächte stimmungsvoll hetzt. Wie gesagt, eine Stunde ist dies „volle Kanne“ Thriller-Atmosphäre, danach zerblättert der Film nur noch in eine wüste, dumpfe und völlig spaßlose Gewalt-Orgie. Was das anfängliche Unterhaltungsvergnügen glatt wie schließlich vehement abbremst (= 3 PÖNIs).