WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER

„WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER“ von Florian Weigensamer und Christian Krönes (Ö 2017; K + Schnitt: Christian Kermer; M: Jürgen Kloihofer; Felix Sturmberger; 92 Minuten); wir sehen oft dystopische Filme. Endzeit-Movies, die morgen, bald, demnächst spielen. Dieser Film blickt nicht in die Zukunft, sondern auf das Heute. Zeigt das Jetzt. Als (buchstäblich) brandaktueller dystopischer Streifen.

Dieser Dokumentarfilm haut SIE um. Falls sie ihn überhaupt wahrnehmen. Weil: Er überschreitet das Empfinden von Begriffen wie: unangenehm. Entsetzlich. Fürchterlich. Ohne sich als Anklage zu verstehen. Oder als böses moralisches Ausrufungszeichen. Ganz im Gegenteil, die Filmemacher, die selbst kommentarlos bleiben, sind nur daran interessiert, den „Vorkommenden“ hier ein Gesicht und eine Sprache zu vermitteln. Ihnen an diesem menschenunwürdigen Fleck der aktuellen Welt Würde zu geben. „WELCOME TO SODOM“ ist nicht als ideologisches Katastrophen-Spektakel angelegt, sondern als tatsächlicher Blick auf Menschen, die an einem unglaublichen afrikanischen Welt-Ort  leben. Viele Menschen. Von denen einige eine Sprache (aus dem Off) bekommen.

AGBOGBLOSHIE. Bei Accra, der Hauptstadt von Ghana. Vor gar nicht allzu langer Zeit war diese Gegend unberührtes Sumpfland. Heute liegt hier eine der größten Müllhalden für Elektroschrott aus aller Welt – gebaut auf Wasser. Die Deponie zählt zwischenzeitlich zu den giftigsten Gebieten der Erde. Rund 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie nennen diesen Ort: SODOM.

Schätzungsweise landen hier pro Jahr etwa 250.000 Tonnen Elektro-Müll. Den gilt es auszuwerten. Inmitten von vielem Feuer und stickigem Rauch, den man glaubt, selbst einzuatmen. So intensiv wirkt er. Bildlich. Aber unwirklich-wirklich sind die Bedingungen in Accra. Wo Rinder „grasen“ als gäbt es hier Gras. Und ein kahlköpfiger Junge mit einem Magneten Eisenteile vom Boden aufliest, und eigentlich gar nicht hier arbeiten darf. Weil  er ein Mädchen ist und deshalb innerhalb der Hierarchie nur kochen oder Trinkwasser verkaufen darf. Junge, kräftige Männer verbrennen Kabel, um an den Kupferdraht zu kommen. Ältere Männer zerlegen derweil Computer und Monitore, um die Einzelteile als Rohstoff zu verkaufen. Jeder hofft auf das große Glück, unter diesem „Rest“ tatsächlich funktionierende Geräte aufzuspüren.

Die andere Seite-hier, man hat sich arrangiert: Ein Tonstudio existiert ebenso in einer Holzhütte wie es Rapper gibt, die ihren Song vortragen: „You Are Welcome to Sodom“. Ein Friseur ist unter freiem Himmel tätig; es existieren Suppenküchen, es finden Partys statt; man spielt Fußball. Sieht so die Hölle aus? Wo bleibt eigentlich die dortige Wut? Auf diesen Zustand? Diese höllischen Zustände? Dank derer WIR unser Leben bequem leben?

Afrika ist derzeit „in Bewegung“. Warum, lässt sich hier ermitteln. EINE konkrete Spuren-Findung. Der Film besitzt etwas, was in Europa derzeit abnimmt: Eine Haltung. Grundsätzlich. Akzeptanz. Respekt vor: „Anderen“ Menschen.

Bitte anschauen. Nicht, um sich dabei/danach „schlecht“ oder angeklagt zu fühlen, keineswegs  – viel mehr um besser informiert zu sein. Und das über einen dabei, hört sich bekloppt an, ich weiß: begeisternden Film (= 5 PÖNIs).